Misanthrop oder Philanthrop?

Zunächst die Begriffserklärung:
ein Misanthrop ist ein ‚Menschenhasser‘, jemand, der davon ausgeht, dass die Menschheit böse ist, sich nur mit einem engsten Kreis von Menschen durchs Leben bewegt. Laut der Seite ‚Karierebibel‚: „Der Misanthrop ist laut Duden ein Menschenfeind. Er lehnt ihre Nähe ab oder hasst sie sogar. Keine Abneigung gegen einzelne Personen, sondern Mitmenschen im Allgemeinen. Vorsicht vor Fremden ist sicher nicht ganz falsch. Ein echter Menschenhasser aber schadet sich und seinem Umfeld.
Ein Philanthrop ist das exakte Gegenteil, viele würden ‚Gutmensch‘ denken. Laut der Seite ‚neues Wort‚: „Die Bedeutung dessen, was einen Menschen zu einem Philanthrop macht, ist weit gefasst. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass ein Philanthrop freiwillig und ohne jede Entlohnung etwas für andere oder das Gemeinwohl tut. In welchem Rahmen ist sehr vielfältig. Zum Beispiel könnten das Spenden, ein Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe oder willkürliche Nettigkeiten im Alltag sein. Ursprünglich kommt der Begriff Philanthrop aus dem Griechischen und leitet sich von philos „Freund“ und anthropos „Mensch“ ab.“

Ich behaupte über mich selbst, dass ich eine philanthropische Misanthropin bin. Einerseits lehne ich Menschen an sich ab, was ursächlich in meinen gemachten Erfahrungen zu finden ist, andererseits finde ich Menschen an sich unglaublich spannend und ich arbeite sogar sehr gerne mit Menschen. Privat aber… no way. Insofern, wenn man beachtet, dass ich Arbeit und Privat deutlich trenne, nachvollziehbar, oder?

Für mich war dieses Jahr 2021 eine ziemlich spannende Sache.

Wenn ich bedenke, dass ich vor Jahren als komplett arbeitsunfähig eingestuft in Rente geschickt wurde, was unbedingt ein Seegen für mich war und ist (da ich tatsächlich nicht die erforderliche Stundenzahl leisten kann), schmunzel ich immer und immer wieder.

Zum einen hat sich bewiesen, dass ich durchaus teamfähig bin.

Zum anderen hat sich bewiesen, dass ich über kurze Zeitstrecken (maximal zwei Wochen) durchaus in der Lage bin etwas mehr zu leisten als die vom Gesetzgeber angesetzte Mindeststundenzahl um als arbeitsfähig zu gelten.

Problematisch ist, dass ich sehr ausgeprägte und lange Zeitabschnitte benötige um wieder einigermaßen bei mir anzukommen, ruhig zu werden, schlafen zu können, dass sich dieses unsägliche Kopfkarussell abstellt, in dem es sich ausschließlich um den Job dreht. Dass sich meine Optimierungsver- und ge-suche abstelle, dass ich nicht Helfersyndrom-gleich überall versuche ‚Feuer zu löschen‘. Wobei, von außen betrachtet ist es ein Helfersyndrom, faktisch ist es mein Autismus, der mich rotieren lässt wie ein Perpetuum mobile. Was bin ich froh, dass ich sowas nicht bin, den Anschein kann man aber haben. Meine Chefin meinte letztens lachend zu mir, ich wäre ja eine regelrechte ‚Rampensau‘, was zu der Zeit unbedingt stimmte, da ich Feuerwehrmann gleich überall versuchte zur Stelle zu sein. Und ja, sie weiß von meinem Autismus und sie kennt sich in dem Bereich auch aus. Außerdem bin ich diesbezüglich unbedingt offen und verschweige nichts.

Ja, ich bin hilfsbereit. Nur, macht es Sinn?

Nochmal auf Anfang.

Seit März/April 2021 arbeite ich, unfassbar für eine Autistin, in einem Corona-Testzentrum. Ich teste selbst, mache die Anmeldung, telefoniere, so wie jede andere Kolleg-in. Das heißt, ich komme jedem einzelnen Menschen, groß oder klein, sehr sehr nahe. Zu nahe aus privater Sicht. Aus beruflicher Sicht ist es anders nicht zu machen, zumal ich weiß, dass ich meinen Job gut mache.

Ich habe seitdem unfassbar viele Menschen gesehen, gesprochen, berührt, einge sogar kennengelernt, weil es sich um ‚treue Kunden‘ handelt. Und ich habe unfassbar viel über die menschliche Art gelernt. Bis zuletzt auch die aggressive Variante der Corona-Leugner und auch Impfgegner.

Manche Tage schlauchen mich mehr als andere, wobei ich deutlich schreiben muss, dass die Tage wo man mehr herumsitzt und nichts tun kann, weil niemand sich testen lassen möchte, viel anstrengender sind, als die, an denen man gefühlt im Akkord Stäbchen in fremde Nasen steckt.

Was für alle Tage gilt: die Kontakte hauen mich ins ‚off‘. Alle. Immer. Und zuhause habe ich entweder erstmal ‚Quasselwasser‘ getrunken = ich rede ohne Unterlass (mein Mann tut mir dann wirklich leid), oder ich schaukel vollkommen erschöpft auf dem Sofa.

Mein Problem ist außerdem, dass ich eine überaus ausgeprägte Selbstkritik lebe, dass mein Selbstwertgefühl irgendwo unter der Grasnarbe zu finden ist, dass ich nicht selbstbewusst und stolz jeden einzelnen Tag über mich selbst staune. Kann ich nicht. Ist irgendwie unlogisch für mich.

Dann frage ich mich immer und immer wieder, ob ich ggf überrepräsentiert bin, weil ich jederzeit (sogar spontan) losspringe, sh. oben diese Feuerwehrmentalität, oder auch Verbesserungsvorschläge anbringe, oder wie Chefin meint ‚mitdenke‘, nicht weil ich mich wichtig nehme, ein ‚warum?‘ kann ich noch nicht mal benennen.

Ich überlege gerade ernsthaft, ob es nicht tatsächlich besser wäre, wenn ich diesen Job beende, da er meine komplette wache Zeit, sowie auch die schlafende, bestimmt.
Ein typisches Phänomen was im Bereich SI (Spezialinteresse) beschrieben wird und u.a. somit auch diesen Teilbereich des Autismus erklärt. Nur, es ist so unfassbar anstrengend. Und, meine anderen Ineressengebiete treten in den Hintergrund. Ich nähe zwar noch immer, was für mich immer eine ausgleichende Wirkung hatte, aber nicht mehr so viel wie früher. Bedenkenswert.

Einerseits liebe ich es Menschen zu beobachten, zu entschlüsseln, eine Erklärung zu finden warum und wieso ein Mensch handelt wie er handelt, warum manche solch sonderbaren Dingen wie Quanon anhängen, oder dem Querdenkertum, oder rechte Gesinnungen haben trotz besseren Wissens.
Andererseits lehne ich diesen kompletten Input, den ich selbst beim harmlosen Einkaufen ertragen muss, unbedingt ab und wünsche mir zu oft meinen Kopf einfach abstellen zu können.

Und dieser Input ist überaus erschlagend wenn ich arbeite, alleine die sensorischen Dinge sind heftig, dann die Gespräche. Glücklicherweise hat sich diese mantramäßige Erklärung vom Anfang gelegt, man muss nicht mehr erklären wie die Testlinge an die Ergebnisse kommen, bzw. nur noch selten. Dafür habe ich manchmal den Eindruck, dass die Leute bei uns ihren Frust abladen, ihre Ängste und Sorgen. Leider habe ich inzwischen auch den Eindruck, dass einige wenige, dafür aber ‚laute‘, Personen uns als ““’Verrichtungsgehilfen einer faschistischen Regierung sehen““‘. Man muss darüber stehen und darf keinesfalls argumentativ oder sonstwie reagieren, was mir persönlich sehr schwer fällt. Auch so etwas wirkt sich unmittelbar auf meine Energie aus.

Mir geht gerade das Bild ‚Löffelschublade‘ durch den Kopf. Ich schmeiße also täglich Unmengen an Löffeln aus dem sprichwörtlichen Fenster… (Löffeltheorie sh. hier).

Warum ich das alles mache?

Tja. Diese Frage beschäftigt mich parallel zu meinen ganzen anderen Gedanken auch ständig. Die Antwort ist allerdings ausnahmsweise mal sehr einfach:
-> es entspricht meinem Wesen! Ich helfe tatsächlich sehr gerne soweit es mir möglich ist. Diese Testungen anzubieten ist nicht nur sinnvoll und richtig, für mich bedeutet diese Arbeit auch, dass ich gezwungen bin mich auf andere einzulassen, sowas wie eine ‚Desensibilisierung‘, oder ‚ich übe Toleranz und soziale Interaktion‘. Außerdem ist es meine Grundeinstellung anderen freundlich zu begegnen! Ich versuche tatsächlich lächelnd durch die Gegend zu fahren, zu gehen, zu arbeiten, ich lache laut wenn mir danach ist (überwiegend in Begleitung meines Mannes, aufgrund von Gesprächen mit ihm), ich bin höflich und versuche bei der Arbeit irgendwie ausgleichend zu sein. UND, hier kommt mir mein Übermaß an Empathie zugute, die Hypersensibilität auch: ich habe gelernt die Menschen recht schnell irgendwie für mich zu katalogisieren, sprich ich erkenne bei wem ich flapsig sein kann, bei wem ich ‚ich‘ sein kann, bei wem ich tunlichst vorsichtig sein sollte.

Nichts desto trotz: bei allem Bewusstsein, und ich kenne einige Autisten, die im sozialen Bereich, sowie auch im Gesundheitswesen, unterwegs sind, teilweise hauptberuftlich, andere ehrenamtlich: es ist erheblich anstrengend und ich bewundere jede einzelne und jeden einzelnen, gerade deswegen, weil ich weiß wie überaus kräftezehrend dies alles ist. Trotz SI, trotz Überzeugung, trotz Liebe zum Job!
Es ist irgendwie ständig der Tanz auf einem aktiven Vulkan, so oder so, und die Gefahr des autistic burnout ist allgegenwärtig. Und dennoch werde ich diesen Job nicht beenden! Ich werde lediglich weniger arbeiten.

Ich passe auf, denke viel nach, leider viel zu viel über popeln bei anderen. Ich werde auch immer mehr Misanthrop als Philanthrop sein, dafür sind meine negativen Erlebnisse zu manifest, ABER: ich bin dankbar! Dankbar für wirklich tolle Kollegen und endlich ein erheblich gutes Erlebnis mit einer Chefin – isofern:

Popeln kann heilsam sein! *zwinker*

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zwar nicht der Muffi-Schlumpf, der erhobene Zeigefinger von Schlauwischlumpf passt allerdings -leider- sehr gut zu mir

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