196 Doppelschritte

links – rechts – eins
links – rechts – zwei
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links – rechts – einhundertsechsundneunzig.

Einhundersechsundneunzig Doppelschritte von der Ampel bis vor die Haustür.

Ich zähle viel. Seien es die aufgehängten Socken, oder die Wäscheklammen überhaupt, meine Schritte, die Stecknadeln.
Ein Ausdruck meiner selbst.

Aber auch ein Ausdruck ’so geht es mir gerade‘ = nicht gut, da ich dieses Stimming dringend benötige, es ungeplant, einfach so, einsetze, ich mich dabei ‚erwische‘ wieder einmal zu zählen.

Mein Mann fragte mich heute Morgen, bevor ich die 196 Schritte bis zur Haustür gezählt hatte, ‚Warum summst Du eigentlich ständig? Gestern auch, als Du die Möbel zusammengebaut hast. Du warst ununterbrochen am Summen.‘

Mein Mann kennt mich mehr als gut. Da wir aber ständig zusammen sind, logischer weise zusammen leben, wohnen, ist für ihn auch vieles ’stink normal‘ geworden und er vergisst im Grunde genommen immer, dass ich Autistin bin und stimme wenn ich überfordert bin. So summe ich. So zähle ich. So zwirbel ich meine Haare. So knibbel ich an meinen Fingern herum. So wackel ich mit den Füßen und auch mit den Zehen. Wenn es ganz ganz schlimm kommt, praktiziere ich meine Version des Flatterns: ich wackel mit den Fingern.

Ein Zustand, der sich nun seit knapp zwei Wochen hält. Mal mehr mal weniger intensiv. Wenn ich allerdings diese Wohnung verlassen muss, oder irgendwelche groben Umbrüche passieren, die ohnehin zerschossenen Routinen noch mehr zerschossen werden, so wie gestern, als ich Möbel aufgebaut habe, die ich sehnsüchtig erwartet habe, dennoch: gestörte Routine, summe ich.

Warum meine Routinen zerschossen sind? Seit gut zwei Wochen?

Tja.

Ich hatte ein Problem das es nötig machte einen Krankenhausaufenthalt zu absolvieren. Aus den -von mir- geplanten 2 Tagen wurden leider 3, die ich mit mehr oder weniger anstrengenden Personen auf einem Zimmer aushalten musste. Schlafen, nachts, ha! Was ist das? Wird komplett überbewertet.

Nunja. Ich habe es überlebt, ich muss aber deutlich anmerken, dass ein operativer Eingriff inklusive Vollnarkose kein Pappenstiel ist. ich laboriere noch immer mit den Nachwirkungen herum, schlafe allerdings wieder.
ABER: das erklärt ggf. warum meine Routinen komplett zerlegt, zerschossen sind. Was noch hinzu kommt: ich darf nicht mit dem Fahrrad fahren, was für mich eine notwendige Sache ist, da ich bislang nur so einkaufen konnte, bzw. die Einkäufe heim bekam. Ganz zu schweigen vom sportlichen Aspekt.

Tja.

Derzeit laufe ich. Es ist glücklicher Weise nicht weit, zumal ich noch immer schwächel, was ich hasse, jeder einzelne Gang zu einem der Läden ist eine Herausforderung, noch mehr als sonst.

Heute waren wir mal wieder in einem der Läden. Ich zu Fuß mit meinem ‚Hackenporsche‘ (joa, ab einem gewissen Alter ist das schon sinnvoll, außerdem ist er schick: knallpink und nicht in so einer Omafarbe *sorry Omas, bitte nicht persönlich nehmen*) vorneweg, mein Mann mit den Fahrrad hinterher, denn er hasst es zu laufen, so dass ich mich immer frage, wozu er Beine und Füße hat, aber egal.
Ab in den Laden, alles zusammenkramen, rausflüchten, einpacken und Hackenporsche an den Start.

Ich war noch nicht vom Parkplatz herunter, da fing ich an meine Schritte zu zählen.

links – rechts – eins
links – rechts – zwei
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An der Ampel holte mich mein Mann ein (was deutlich macht, wie langsam er fährt, denn da hatte ich schon gut 57 Doppelschritte hinter mir und ich kann einfach nicht langsam gehen) und brachte meine Zählroutine durcheinander.

Ich bin dankbar, dass er auf mein ‚Du störst mich. Ich zähle gerade‘ nicht eingeschnappt reagiert hat. Zumal ein laufen mit Hackenporsche auf dem Gehweg und einem Fahrrad daneben mit einem plaudernden Ehemann fahrender Weise oben drauf, doch etwas schräg aussieht, oder? Er verabschiedete sich und schlich (fuhr) weiter, auf der Straße versteht sich.

links – rechts – eins
links – rechts – zwei
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links – rechts – einhundertsechsundneunzig Doppelschritte von der Ampel bis zur Haustür.

Manchmal muss es Stimming sein um wieder irgendwie, und wenn es nur ein Hauch ist, wieder ins Lot zu kommen.

Nicht zu unterschätzen ist es, wenn man auf seinem Lebensweg von Menschen begleitet wird, die ggf. gelegentlich fragen ‚warum machst Du das?‘ weil man für sie einfach ’normal‘ ist, weil nicht anders gewohnt, die “’Macken“‘ die man allerdings doch tatsächlich hat, nicht belachen, sondern einfach als das akzeptieren was sie sind: Ausdruck meines ‚Ich’s und eben auch oftmals dringend notwendige Nebensächlichkeiten, die für mich aber nicht nebensächlich sondern überlebenswichtig sind.

Im übrigen: Rekonvaleszenz ist wirklich ätzend. Ich bin dankbar, wenn wieder alles beim “alten“ ist.

Ich hatte im übrigen das Infoblatt unseres Vereins dabei. Ich war zunächst enttäuscht, da es überhaupt nicht beachtet wurde, ich in ein enges 3-Bett-Zimmer verfrachtet wurde, natürlich auch noch als ‚Sandwich‘ in die Mitte… Als ich aber meine Notfallkarte zückte, auf der deutlich steht, dass ich Autistin bin, die Handynummer meines Mannes auf der Rückseite notiert ist, mit der Bitte ihn zu informieren, dass ich im Zimmer bin, die OP überstanden habe, änderte sich plötzlich alles.

Ich wurde ans Fenster geschoben, hatte diverse Stunden das Zimmer komplett für mich alleine, nur wurden dann nachts zwei wirklich nette ältere Damen dazu geschoben, ab da war es *urgs*. Man fasste mich nicht einfach an, sondern kündigte notwendige Berührungen an, war respektvoll und eine Auszubildende sprach mich sogar auf Autismus an und wir unterhielten uns ein paar Minuten. Interesse war also da und soweit möglich wurde auch Rücksicht genommen.

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