‚Kommst Du auch mal, dass Du es endlich lernst?!‘ und andere Erlebnisse der letzten Monate

Die letzten Monate waren … interessant lehrreich.

Es reichte von einer derzeit noch immer laufenden Pandemie, über gut funktionierenden Netzwerken, zu kurzeitiger Beschäftigung, Todesfällen, Aufregern, Panikattacken, bis hin zu echten Freundschaften und einer dankbar angenommenen Hilfsbereitschaft.

Mit Beginn von Corona änderte sich restlos alles. Bei mir weniger in Richtung ‚Lagerkoller‘, denn die ’neu angenommene Lebensweise des Rückzugs aus allen zwischenmenschlichen Dingen‘ ist eher ‚meins‘, leben wir ohnehin sehr zurückgezogen.

Zunächst beobachtete ich, dass die wenigen Menschen die einem über den Weg liefen beim Einkaufen sehr sehr freundlich, tolerant und rücksichtsvoll waren. Wildfremde Menschen strahlten einen über die Masken hinweg an. Ja, das habe ich durchaus gesehen, wahrgenommen und auch richtig eingeordnet. Denn am Anfang waren es nur wenige, die von sich aus zur Maske griffen und es schien wie ein ‚wir schaffen das!‘ und ‚lieber so einen Lappen im Gesicht, als im Krankenhaus zu landen‘.
Inzwischen schüttele ich zunehmend über die Respektlosigkeit, die tatsächlich schlimmer geworden ist was ich kaum für möglich gehalten habe, sowie die Intoleranz anderer den Kopf. Masken werden am Kinn getragen, oder nur über dem Mund, wo doch bekannt ist, dass die meisten Rezeptoren, die dieses Virus aufnehmen in der Nase sitzen, sowie auch von dort Viren abgeben. Kunden gehen breit grinsend mit der Maske in der Hand in die Läden und schauen andere Kunden, die diese verschreckt anschauen, höchst provokant an. Da kann man nur das Weite suchen.

Meine Nähaktion im Bezug auf Masken dauert nach wie vor an, allerdings lauft die Nachfrage nur noch ‚tröpfchenweise‘, was ich nicht weiter schlimm finde, denn es wird nur sehr wenige Menschen geben, die an die 15 Masken zuhause hängen haben und nach Situation und Laune wechseln, so wie ich.

Mit zunehmendem ‚interessiert mich alles nicht, das was an Prävention geschieht ist ohnehin alles Blödsinn und wir werden von fernen Mächten gesteuert‘, nimmt auch meine Frustration zu. Denn: ich habe eine andere Sichtweise, glaube nicht daran, dass wir derart manipuliert werden, oder auf ‚deutsch‘ gesagt: verarscht.

Man rückt irgendwie zusammen, also die, die in einem ‚Meinungspool‘ schwimmen. Man rückt ab von denen, die gegen geltende Regeln verstoßen, sei es, weil man seine eigene Gesundheit schützen will, oder weil man alle anderen nur noch als ‚bekloppt‘ abstempelt. Nunja.

Anfang des Sommers wurde ich angesprochen, ob ich nicht eine Krankheitsvertretung machen könne. Bei meinem Stoffhändler war kurzfristig eine ‚Stelle‘ vakant, da eine Kollegin ins Krankenhaus ging. Da ich mit großer Überzeugung hilfsbereit bin, dort auch schon letztes Jahr in den Sommerferien ausgeholfen hatte, somit also wusste was auf mich zukommen würde, sagte ich zu. ABER: diese Vertretung beinhaltete auch: Freitag Nachmittag Punkt 13 Uhr: Verkauf. *Schluck*. Vor dem ersten Verkauf hyperventilierte und prokrastinierte ich wie ein Weltmeister, zumal die Temperaturen wenig Arbeitnehmerfreundlich ü30° waren und der Verkauf, gerade derzeit, im Freien stattfindet.
Was mich ehrlich wunderte: es hat mir wahnsinnigen Spaß gemacht und ich freute mich zunehmend jede Woche mehr auf diesen Nachmittag.

Eines Freitags kam ich dort an, wir fingen an alles für den Verkauf vorzubereiten, da sprach mich der Chef an ‚Hast Du schon gehört, dass S. gestorben ist?‘ – ‚Was??‘ – ‚Sie ist schon am Dienstag gestorben‘

Ab da befand ich mich im ‚Blindflug‘ und absolvierte irgendwie diese 4 Stunden Verkauf. Diese Frau, ein Jahr jünger als ich, war binnen 5 Wochen verstorben. Ja, im Krankenhaus waren diverse schwerwiegende Diagnosen gestellt worden, aber 5 Wochen? Gnade. Allerdings, ja, auch gnädig.

Ab da ging die allgemeine Stimmung irgendwie dort in die sprichwörtlichen Knie. Eine Kollegin, erheblich älter als ich, spielte sich, im Grunde genommen ein gewohntes Erleben, auf eine Art und Weise auf, die ich für mich nicht akzeptiere (laut, kreischende Stimme, an sich ständig kreischend, auch vor Kunden, die Kollegen ‚runter machend‘). Ich schaffte es irgendwann sie anzusprechen, sie würde doch Respekt erwarten, ich auch, deswegen würde ich ihr Verhalten mir gegenüber nicht akzeptieren. Sie sagte mir ‚Ich bin halt so!‘ und ich sagte ‚Was ich aber nicht gewillt bin auszuhalten!‘. Danach war kurzzeitig Ruhe.

Eskaliert ist es letzte Woche. Es sollten Bettwäschestoffe gefaltet und einsortiert werden. Für mich nichts besonderes, da ich mit Stoffen aufgewachsen bin und auch mehr als gut weiß, WIE man Stoffe falten.

In ein Gespräch vertieft, erdreistete ich mich Schnittkante auf Schnittkante zu falten und nicht Selfkante auf Selfkante… *Schockschwerenot*
Sie kam aus der Halle ‚geschossen‘, wild mit dem Kopf schüttelnd und kreischte ‚NEIN!NEIN! SO NICHT!‘. Vor Kunden.
Ich ließ das Stück Stoff fallen, drehte mich weg, suchte Stoff für mich aus, schnitt zu, sortierte wieder weg und da kam der o.a. Satz ‚KOMMST DU AUCH MAL, DASS DU ES ENDLICH LERNST?!‘. Bei mir machte irgendwas ‚klick‘ im Verstand, ich ging zu ihr und sagte lächelnd, leise und sehr freundlich ‚Nein! Es interessiert mich nicht, denn ich werde heute das letzte Mal hier arbeiten.‘
Es ist sonderbar dort nun ausschließlich als Kundin zu sein, aber es reichte schlicht und ergreifend und ich bin stolz, dass ich es endlich geschafft habe diesen notwendigen Schlussstrich so elegant zu ziehen.

Genau das ist es, was ich beobachte: die Nerven der Leute liegen irgendwie gefühlt blank. Jeder versucht nur noch sich zu behaupten, andere interessieren nur bedingt, auf Umgangsformen nimmt keiner mehr Rücksicht. Und die, die sehr viel Wert darauf legen, versuchen trotz allem höflich und freundlich zu bleiben, bekommen den imaginären Tritt in die Kehrseite.

Relativ zeitgleich gab es dann diesen unsäglichen Newsletter des Autismusverbandes. Ein paar Freundinnen und ich steckten in Diskussionen und überlegten hin und her. Daraus entstanden zwei mehr als erstaunliche Aktionen. Die eine rief eine Briefaktion ins Leben, eine andere Freundin und ich veröffentlichten eine öffentliche Stellungnahme. Ja, es ging mal wieder um ABA und die Werbung durch den Autismusverband, der auf seiner Homepage behauptet:

Der Bundesverband autismus Deutschland e.V. vertritt als Selbsthilfeverband die Interessen von Menschen mit Autismus und ihrer Angehörigen. Er betreibt umfassende Aufklärung über das autistische Syndrom und die vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse, veranstaltet Kongresse und Fachtagungen und gibt Bücher sowie Broschüren heraus. Außerdem fördert er Einrichtungen und Maßnahmen, die eine wirksame Hilfe für Menschen mit Autismus bedeuten.‚ (sh hier: BV )

Da reibt man sich die Äuglein.

Denn: seit Jahren wehren sich Autisten weltweit gegen ABA. Bundesweit gab es dermaßen viele Positionierungen, dass unter anderem durch eine Twitterbewegung die Aktion Mensch ABA aus ihren Empfehlungen nahm. Andere Autisten, so auch ich, schrieben Blogs. Ich für mich muss sagen, dass ich mich von dieser ‚Interessenvertretung‘ alles andere als ernst genommen fühle – und genau DAS ist auch der Grund, warum ich unter den gegebenen Umständen nicht Mitglied werden wollen würde!

Was mich in diesem Zusammenhang wirklich abgestoßen hat, das war die Reaktion einiger Autisten auf Twitter. Mir ging dauernd durch den Kopf ‚wer lesen kann ist klar im Vorteil!‘, denn es hatte niemand die Hände in den Schoß gelegt die letzten Jahre und Däumchen drehend anderen die Arbeit bzgl. Aufklärung und Protest gegen ABA überlassen. Aber die Sichtweise jedes einzelnen ist nun mal sehr relativ.

Zwischenzeitlich starb eine frühere Freundin von mir. Sie schaffte es tatsächlich binnen 3 Tagen alles hinter sich zu lassen, incl. eines schwerst behinderten Sohnes, für den nun die Schwestern versuchen zu sorgen.

-ich versuche es irgendwie chronologisch herunter zu schreiben-

Zu ABA: Konversionstherapie im Bezug auf Homosexualität wird unter Strafe gestellt. Das hat ein Bundesgesundheitsminister erreicht, der selbst homosexuell ist. Nur, was ist mit der Konversionstherapie ABA (es gibt diverse Namen dafür, sowie auch unterschiedliche Ausprägungen, nur ABA bleibt was es ist: furchtbar), die an autistischen Kindern praktiziert wird?

Schon im Jahr 2016 wurde von der TAZ ein Artikel veröffentlicht, der ABA mit eben der erwähnten und maximal verwerflichen Therapie gleichsetzt. (sh. hier: TAZ)
Braucht es dann ggf. einen Bundesgesundheitsminister, so schnell als möglich, der Autist ist um diese Therapieform ebenfalls auf die ’schwarze Liste‘ setzen zu lassen? Oh bitte JA!

Die erwähnten Panikattacken erlebe ich derzeit, gerade mit Hinblick auf die beiden Todesfälle, selbst. Mir wird immer deutlicher, wie endlich man selbst ist. Und da wir hier nun mal auch noch einen Autisten ’sitzen‘ haben, der versorgt sein möchte, ist es umso wichtige fit zu bleiben. Nur der Kopf dreht sein eigenes Kino, wenn man eine Diagnose bekommt und demnächst ins Krankenhaus muss.

In diesem Zusammenhang gab es dann die nächste Gemeinschaftsaktion.
Eine Freundin, noch eine Freundin, noch eine Freundin, noch eine-noch eine-noch eine, es war eine Gruppe auf FB beteiligt, sammelten Punkte für ein ‚multiple choice‘ Faltblatt, welches Autisten die Behandlung bei einem Arzt, oder einem Krankenhaus erleichtern sollte. Das Faltblatt habe ich im vorherigen Blog hier veröffentlich und wurde letztendlich zwar für unseren Verein konzipiert, weil ein Blatt mit einem offiziellen Logo eher ernst genommen wird, ist aber für jeden zugänglich, von jedem nutzbar.
(sh. hier: Faltblatt).

Mein Resümee der letzten Wochen und Monate: ich habe so unendlich viel gelernt:

  1. der Mensch an sich reagiert auf Stress absolut unkalkulierbar
  2. der Mensch an sich hat ein extrem kurzes Gedächtnis
  3. Autisten können extrem schnell reagieren, wenn es um Dinge geht, die ihnen wichtig sind = spontan sein!
  4. die Zusammenarbeit von Autisten kann, wenn man vertrauensvoll mit einander umgehen kann: extrem konstruktiv sein *
  5. die Zusammenarbeit mit nicht-Autisten ist ’normaler Weise‘ -für mich- besser zu vermeiden, ABER: mit den richtigen Leuten (sh. meine Freundinnen): wow! Einfach nur *perfekt* und greift in den vorherigen Punkt.
  6. auch innerhalb von Familien ist es nicht selbstverständlich auf Toleranz und Respekt zu treffen
  7. manchmal ist sogar innerhalb von Familien der Hass schlimmer, als der ‚draußen‘
  8. Es gibt Situationen, da kommt es zu Reaktionen von ‚außen‘, mit denen hätte man nie gerechnet (ich bin gerade beim Punkt ‚Dankbarkeit‘), so wird mich eine Freundin zu einem Termin begleiten, den ich alleine ’stemmen‘ wollte und eine andere Freundin steht mir auch zur Seite.

Das * am Ende von Punkt 4: es gibt auch unter Autisten Menschen, mit denen ich niemals zusammen arbeiten könnte. Weder real, noch virtuell. Vertrauen ist ein fragiles Gut für mich und es gibt einige Menschen, denen ich nicht vertrauen könnte. Dankbar bin ich für die wenigen, denen ich vertrauen kann.

Es gibt noch einiges was mir durch mein Hirn schwebt. Am signifikantesten ist gerade eigentlich nur:

ich bin so dankbar.

Dankbar für meinen Mann und mein ‚Kind‘, aber auch für all die Frauen die ich Freundin nennen darf. Egal wie schlecht ein Tag dann doch mal ist, was selten bei mir der Fall ist da ich als Grundstimmung für mich ‚fröhlich‘ eingestellt habe *zwinker*, es gibt immer Menschen, die für mich da sind.
Ich Grunde genommen macht mich das: sehr reich.


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2 Gedanken zu “‚Kommst Du auch mal, dass Du es endlich lernst?!‘ und andere Erlebnisse der letzten Monate”

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