Ressourcen und Defizite

Zunächst, wie so oft bei mir, eine Erklärung zu den Begriffen.
Ressourcen und Defizite sind Begriffe, die aus dem Finanzwesen kommen und bedeuten:
° Ressource – vorhandener Bestand, vorhandene Geldmittel
° Defizit – Fehlbetrag, Mangel

In der Gesellschaft werden diese beiden Begriffe allerdings auch genutzt und die Wertung ist nicht viel anders:
° Ressource – etwas was man gut kann, positive Eigenschaften
° Defizit – etwas was man nicht kann, Einschränkungen

Diese Gesellschaft ist deutlich Defizitorientiert. Punkt. Das ist Fakt.

Glücklicher Weise gibt es aber auch Menschen, die dies abstreifen und Ressourcen-orientiert handeln und arbeiten.

Im Bereich der Behinderungen und Einschränkungen (Defizite) wird leider sehr oft nur nach den Defiziten gesehen und es stellt sich immer wieder die Frage nach dem ‚Warum?‘.
Die Antwort kann sich eigentlich jeder selbst geben, denn Defizite bringen Geld. Geld in Form von Subventionen wenn man Behinderte einstellt, Geld in Form von Leistungen, wenn man z.Bsp. einen Pflegegrad beantragt, Geld in Form von Subventionen, wenn man Behinderte unterstützt und ggf. Unterbringungsmöglichkeiten schafft.

Geld. Der scheinbar wichtigste Faktor in unserer Gesellschaft.

Ich habe es letztens noch schmerzhaft erlebt, wie wichtig es ist Defizite hervorzuheben, weil ich für die Überprüfung eines SBAs ein Formular ausfüllen musste. Da ist man sehr gut beraten, wenn man ohne wenn und aber alles negativ besetzt schildert, auf keinen Fall etwas positives notiert, denn alles wird zerpflückt und ausgewertet und wenn da jemand irgendwas gutes schafft, kann, dann wird davon ausgegangen, dass doch ohnehin alles nicht so schlimm ist und ‚wenn er/sie DAS kann, dann wird er/sie das und das auch bald können‘ = keinerlei Punkte FÜR die Bewilligung eines SBAs, der für jeden in irgendeiner Form behinderten z.T. sogar das finanzielle Überleben sichert.

Oder sei es die Begutachtung für ein beantragtes Pflegegeld… Niemals etwas zugeben, was man doch an guten Tagen schafft. Niemals!! Immer bloß sagen: ’nein, das kann ich nicht.‘ Wenn man aber dabei sitzt und der zu pflegende vehement sagt (ich bin jetzt im Bereich der Demenz) ’natürlich kann ich das!‘, schwankend aufsteht, sich von Wand zu Wand hangelt und sich ein Glas aus dem Schrank holt, es ggf. noch fallen lässt, sich das nächste holt, beim Eingießen von Wasser die ganze Küche überschwemmt, aber fröhlich in den Scherben steht… Pech gehabt. Da hat man verloren.

Oder die Schulen…. Auch hier wird nichts gutes hervorgehoben, es sei denn man ist ein 1ser Kandidat, den man als Vorzeigeschüler nutzt. Nur wehe man vergeigt (RW) eine Arbeit und rutscht auf eine 2, auch hier würde nur geschaut, welche Defizite für dieses ‚Versagen‘ verantwortlich sind. Und wenn man generell im Mittelbereich herumschwappt, plötzlich aufgrund von pubertären Bedingungen absackt, auch da interessiert es keinen, welche Ressourcen man kitzeln könnte um diese Rezession (wieder wirtschaftlicher Bereich = Abschwung) aufzuhalten, oder abzumildern.
Okee ich male schwarz (RW).

Was macht dieses ‚Defizit hervorheben‘ mit einer Seele? Nichts gutes.

Ich frage mich, was daran so schwer sein sollte, dies umzudrehen und mehr auf die Ressourcen zu achten, bzw. die Defizite einfach mal zu negieren.

Die gesellschaftliche Gesundheit würde vor Freude aufjaulen und Depressionen (auch wirtschaftlich = Tiefstand) würden sicherlich rückläufig sein.

Ich bin momentan sehr dankbar, denn ich habe hier einen jungen Mann, Autist, der aufgrund des jahrelangen Fokus auf seine Defizite schwerst depressiv geworden ist, diverse so genannte soziale Phobien entwickelte, Angststörungen, auch wegen Mobbing von Lehrern und Mitschülern, aber das soll hier nicht Thema sein.
Ich bin sehr dankbar, dass wir eine Mitarbeiterin aus dem hiesigen Jugendamt zur Seite haben, die immer mehr auf seine Ressourcen geachtet hat, die uns vor knapp 3 Jahren Jugendhilfe bewilligt hat (die zwar unter dem §35 a SGB läuft, zwar wegen der derzeitigen Diskussion dies solle allen Jugendlichen und Kindern zur Verfügung stehen und würde sowas wie Exklusion bedeuten, was ich nicht so sehe, es bedeutet eine mögliche Inklusion.), mit Vollendung des 18. Lebensjahres etwas ‚umgestrickt werden musste, aber bis zum 27ten LJ möglich ist mit diesem Träger. Wir haben darüber einen Anbieter für u.a. Jugendhilfe gefunden, wo jeder einzelne ausschließlich auf die Ressourcen achtet.
Und so etwas ist Balsam für jede ‚getretene‘ Seele!

Ich frage mich, warum man bei unserem Sohn nicht einfach den Fokus auf sein Können im Bereich Fremdsprachen und/oder IT, Spiele, Spielmodifikationen und -Entwicklung legen kann.

HA! Weil unsere Gesellschaft niemanden akzeptiert, der in irgendeiner Form ein oder mehrere Defizit-e hat und wenn es ’nur‘ ein schlechter und/oder nicht vorhandener Schulabschluss ist.
Niemand bekommt hier eine Chance, sich zu bewähren, wenn er/sie/es keinen Schulabschluss, besser noch Abitur und noch viel besser Hochschulabschluss vorweisen kann. Als wenn das irgendwas bedeuten würde, außer, dass man genug Geduld (und Geld!) hat, diese Jahre zu absolvieren! Selbst in den Behindertenwerkstätten gibt es Ausbildungen, die irgendwie absolviert werden müssen…
Ergo… unser Sohn wird versuchen wieder zur Schule zu gehen. Hospitationen sind geplant, Schnupperwochen… alles um zu gucken, ob er das, trotz seiner von außen zugefügten Beeinträchtigung, denn intellektuell kann er das alles, überhaupt bewältigen kann. Und dann schauen wir weiter. Fakt ist, er wird was seine Ressourcen betrifft, immer wieder angeschubst.

Oder, was ist mit dem mir bekannten jungen Mann, der geistig schwerst behindert ist, auch Autist, aber nicht nur, der in einer Behindertenwerkstatt vor sich hin vegetiert, schwerst auffällig geworden ist, es war die Sprache von ‚geschlossene‘ und ‚medikamentöse Therapie‘, was als feste Unterbringung bedeuten würde, dass da ein Mensch komplett und absolut ruhig gestellt wird.

Dieser junge Mann hat eine Ressource, die ich bemerkenswert finde: er ist musisch sehr talentiert. Er hat irgendwie so etwas wie das totale Gehör, singt und summt Lieder nach, auch wenn er sie nur einmal gehört hat, hat eine annehmbare Singstimme…

Warum um Himmelswillen pusht man DAS nicht? Warum lässt man ihn nicht singen in der Werkstatt, so dass andere auch nutznießen können und die Arbeit dort so viel angenehmer wird?

GELD! Er muss arbeiten um sich seine €100 zu verdienen, die die Mitarbeiter in diesen Werkstätten verdienen, da kann er nicht einfach tanzen, summen und singen… (bin mir nicht sicher, ob es wirklich nur €100 sind, das was diese Menschen verdienen ist allerdings skandalös wenig, zumal diese Organisationen Subventionen etc pp einstreichen um die Beaufsichtigung und Anstellung dieser Menschen gewährleisten zu können. Die Personalkosten der Betreuer sind allerdings auch nicht ‚ohne‘.)
Fakt ist, wenn man auch ihn mehr ressourcenorientiert behandeln würde, da bin ich mir ganz sicher, würde es ihm besser gehen. Auch wenn er auf jede Änderung seiner Routinen reagiert, unangenehm reagiert, inzwischen auch mit heftigen Autoaggressionen, auf jede Störung in seinem Leben und sei es nur ein Streit in der Familie, es würde ihm besser gehen.

Was müsste geändert werden?
° Zunächst unser vorsintflutliches Schulsystem, und die Maßgaben für die Erziehung, Anleitung und Lehre in Kindergärten und Schulen, die zum Teil noch aus ‚Urzeiten‘ stammen.
° dann die Einstellung jedes einzelnen, was dann wohl die größte Herausforderung darstellen würde
° die komplette gesellschaftliche und auch wirtschaftliche Orientierung müsste gedreht werden. Das geht, bedeutet aber einen heftigen Aufwand, denn wer lässt sich schon gerne die sprichwörtliche Wurst vom Brot nehmen (sinnbildlich für Einnahmen = GELD).

Es ist frustrierend, denn das alles wird nicht passieren. Weil es bringt nicht nur, sondern KOSTET auch: GELD….

Geld bedeutet Ressourcen.

Seelische Gesundheit aber auch!

Persönliche Zufriedenheit ist mit Gold und Geld nicht aufzuwiegen!

Verrückt… es gibt sogar mehr Defizit-Bilder, als annehmbare Ressourcenbilder… Das gibt zu denken.

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