Generationenkonflikte in der Autismusszene?

Zugegeben eine gewagte Theorie meinerseits.

Dennoch frage ich mich, ob die derzeitigen Dispute darin begründet liegen, ganz abgesehen von den Persönlichkeitsstrukturen einzelner.

Mir ist aufgefallen, dass, wenn ältere, und dann auch noch spät diagnostizierte, Autistinnen (und ja, mir ist das ausschließlich bei Frauen aufgefallen, wenn es auch Männer mit diesen Erfahrungen gibt, bitte ich dies zu entschuldigen), irgendetwas kritisch, aber klar und deutlich, höflich, noch nicht einmal provokant, posten und/oder bloggen, erfolgt ein Aufschrei.

Es geht mir nicht um Themen, die man als autistische Allgemeinplätze bezeichnen könnte, also Themen aus dem eigenen Erleben, der eigenen Gefühlswelt, oder wegen meiner auch Ungerechtigkeiten von Schulen, Arbeitgebern, etc., sondern durchaus kritisch zu sehende Umstände, die die Gemeinschaft der Autisten betreffen.

Ich denke mir, dass es mit dem erlernten Umgang mit anderen zu tun hat. Mit der Erziehung in der Ursprungsfamilie. Und bevor sich nun der eine oder die andere angegriffen fühlt: ich meine, dass die Erziehung gerade von den älteren unter uns, ganz anders war, als sie es in den letzten 30 oder 40 Jahren war.

Mir wurden Umgangsformen buchstäblich eingeprügelt. Ich war bestimmt kein einfaches Kind, die Dinge, die meine Eltern von mir verlangten, erschlossen sich mir nicht, auch wenn ich es Tag für Tag erlebte. Sei es das gruselige Händeschütteln, sei es der erzwungene Blickkontakt. Dies nur als Beispiele einer großen Fülle von Bedingungen und Umstände.

Hinzu kam, dass der gegenseitige Respekt, die Akzeptanz des anderen, anders war. Es wurde erwartet, es musste sein, man hatte unbedingt höflich zu sein. Und wenn man sich nicht so verhielt, gab es den bekannten ‚Satz heißer Ohren‘, oder der Hosenboden wurde malträtiert. Der Begriff Mobbing, oder Bashing, oder gar das neu hier benannte Gaslighting, waren noch überhaupt nicht bekannt und ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn irgendjemand sich dementsprechend benommen hätte.

Wenn man dann also, genau so eine Erziehung ‚genossen‘ hat (es war allgemein gültig, auch ohne geschlagen zu werden), erwachsen wird, älter wird, anders ist, auffällt, sich versucht anzupassen koste es was es wolle, Familie hat, einen Partner.. irgendwann erkennt und auch ggf. diagnostiziert bekommt, warum man alles so gravierend anders empfunden hat, empfindet, da man Autistin ist > diese Erziehung, diese moralischen und gesellschaftlichen Ansprüche und Werte bleiben in einem und werden auch im Rahmen der persönlichen Möglichkeiten weitergelebt (ich verzichte auf das Händeschütteln und auf Blickkontakt so wie so, viele andere Werte pflege ich dennoch oder gerade, weil ich sie gut finde).

Man hat also schon einige Jahre ‚auf dem Buckel‘, wird diagnostiziert, fängt an, sich in der autistischen Gemeinschaft umzuschauen, sieht dass es den autistischen Kindern heute so viel besser geht (vielen, nicht allen), dass sie so akzeptiert werden wie sie sind, dass sie sein können wie sie sind… und freut sich! (das war vor 10 Jahren, mein Einstieg in der Szene, noch anders!)

Man nimmt Kontakt zu anderen, zumeist jüngeren Autisten auf, weil die spät diagnostizierten outen sich nicht wirklich oft.

Es entwickeln sich zum Teil sehr gute Kontakte.

ABER: aufgrund dessen, dass man Dekaden ‚assimiliert‘ war, man zwar seinen Autismus akzeptiert, sich selbst akzeptiert hat, verändert sich der Blickwinkel nicht zu 100%. Will meinen: man sagt, was man denkt, bleibt aber immer höflich und respektvoll. Man lebt nicht urplötzlich nach dem Prinzip des ‚autistic pride‘, weil, wieso sollte man auf etwas stolz sein, für das man nichts getan hat?!! Und stößt damit an.

Eventuell liegt es an der eigenen analytischen Sichtweise, eventuell liegt es an der Lebenserfahrung, an der gelebten Toleranz, an der Bereitschaft ‚andere sein zu lassen‘, dass man durchaus kritische Töne anschlagen kann ohne jemanden verletzen zu wollen, sondern das Bedürfnis hat, aufzuzeigen, wo etwas nicht ‚rund‘ läuft. Womit ich keinesfalls behaupten möchte, dass ältere immer Recht haben!

Nur, die jüngeren können das nicht. Nicht alle, aber viele leben nach dem Prinzip ‚ich darf das weil ich Autist bin; mache ich das, was ich meine machen zu können und wollen‘ (zugegeben, provokant, weiß gerade nicht, wie ich es besser ausdrücke). Die jüngeren haben eine andere Basis. Sie wurden sicherlich in den meisten Fällen wertschätzender erzogen und behandelt, als Autisten die ü50 sind, aber irgendetwas fehlt.

Ich frage mich ernsthaft, ob dies alles nicht ein deutlicher Hinweis auf den ‚Verfall‘ von gesellschaftlichen Normen ist, von Werten und Prinzipien, die gesellschaftlich ‚über den Haufen geworfen‘ wurden. Nur warum?

Ich frage mich außerdem: was ist so schlimm daran, einen anderen Menschen nicht bewusst verletzen, provozieren, angreifen zu wollen, und man diese geäußerte Meinung dann einfach mal so ’stehen‘ lässt, eventuell sogar mal darüber nachdenkt und bestenfalls erkennt, dass auch andere gute Ideen haben können.

Und, man selbst ist niemals der Nabel der Welt!! Für den einen oder anderen sicherlich, aber nicht allgemein gültig.

Ich frage mich außerdem, was Autisten bewegt, andere Autisten systematisch kaputt und mundtot machen zu wollen mit Mobbing, Bashing, Gaslighting, übler Nachrede, zumal sie mehr als genug wissen sollten, wie katastrophal die Auswirkungen sein können.

Dieser Generationenkonflikt ist furchtbar! Und es ist schade, dass die so viel geforderte Toleranz, die immer wieder erwähnte Akzeptanz, nicht in den eigenen Reihen praktiziert wird.
Niemand muss mich lieben, wirklich nicht, aber respektieren, akzeptieren und/oder tolerieren, wäre ganz schön. Und ich bin mir sicher, dass dies eine Sichtweise von vielen ist, die sich z.T. verschreckt auf den Rückzug begeben haben, andere machen stolz weiter (stolz im sinne von Stolz) und bekommen Rückenschmerzen, wieder andere verstummen entsetzt und beobachten nur noch.

Vor allem, es wird ja sogar Respekt von den Mobbern erwartet, dass man sie achtet und wertschätzt und respektiert, nur dies sollte ein wechselseitig angewandtes Prinzip sein, ohne Mobbing allerdings.
Es scheint aber so zu sein, dass diese gesellschaftlichen Stilblüten immer mehr auch anerkannte Methoden sind, sich unliebsamer Widersacher zu entledigen.

Eine grauenhafte Vorstellung.

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