Notfallversorgung und Autismus – und das Chaos nimmt seinen Lauf

Immer wieder kommt es vor, dass Autisten zum Arzt und/oder ins Krankenhaus gehen müssen, oder gebracht werden.

Ist ja auch logisch, wir sind nicht gefeit vor Krankheiten.

Nur, was ist, wenn man den Arzt vorher nicht kennt, was ist wenn dieser denkt, er habe einen komplett bekloppten und verstockten Patienten da vor sich sitzen-liegen-stehen??

Ab da wird es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, für den Autisten Ruhe zu bewahren, nicht in den Shutdowm von jetzt auf gleich zu kippen, nur um NOCH auffälliger, sonderbarer, bekloppter, (to be continued), zu wirken.

Das Optimum ist, wenn man eine Vertrauensperson direkt dabei hat, der/die erklären und aufklären kann. Nur, hat man so eine Person immer direkt ‚an Bord‘? Nein! Was ist mit einem Unfall? Schittepiepen. Oder einer akuten gesundheitlichen Situation, man kippt z.Bsp. mitten auf der Straße einfach mal um?! *schluck*

Oder, wie just einem Gruppenmitglied passiert: eine akute Verletzung, die dringende medizinische Versorgung benötigt, mitten in der Nacht, keiner ist da, der/die helfen kann, geschweige denn begleiten kann. Dummer Weise war da auch noch Alkohol mit im Spiel, was die ganze Sachlage noch zusätzlich erschwerte. Denn: Ärzte reagieren ganz ganz komisch, wenn nachts jemand mit einer deutlichen Fahne und sonderbaren Verletzungen in den Notaufnahmen ‚aufschlägt‘, ggf. per RTW.

Wenn man dann noch, wie erwähntes Gruppenmitglied dezent suizidal veranlagt ist (stark untertrieben), schwer depressiv, mit noch diversen anderen Päckchen außer des Autismus geschlagen, in dieser Gesellschaft ‚bestehen‘ muss, dann ist es ganz aus.

Besagtes Gruppenmitglied hat den worst case erleben müssen. Einen Arzt, der schon im Flur vor dem Behandlungsraum herum meckerte ‚kann die es nicht richtig machen?‘, in der persönlichen Interaktion mehrfach sagte ‚Machen Sie es doch nächstes Mal richtig, so haben Sie nichts getroffen!‘, auf verstörtes Nachfragen hin ‚Was haben Sie gesagt? Ich soll mich umbringen?‘ ‚Ja! Wenn ich so eine Langeweile hätte, ich würde mich umbringen an Ihrer Stelle!’….. Da wird man sprachlos, oder? Oder sauer, wie ich.

Sie hatte keine Langeweile. Es war auch keine Borderline bedingte Handlung. Es war eine Übersprungshandlung aufgrund einer länger andauernden autistischen Überforderung. Und ja! Manche Autisten machen das noch als Erwachsene! Denkt mal an die Kinder, die den Kopf an die Wand schlagen, oder auf den Boden. Nur weil wir erwachsen sind, bleiben wir Autisten! Und manchmal bleibt auch die Autoaggression, leider.

Ich bin extrem dankbar, dass ich gestern um 5:24 Uhr mein Handy gehört habe, genervt aufgestanden bin, vor dem Blick auf mein Handy den Kaffee noch nicht ganz ‚auf hatte‘. Danach war ich allerdings bedient.
Ich bin dankbar, dass sie das Vertrauen zu mir hatte.
Und ich will mir einfach nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn ich nichts gehört hätte, oder gedacht hätte ‚ach, gucke ich mir später an‘. Denn, sie war bis dahin relativ stabil, danach nur leider nicht mehr!!!
Also nach diesem netten Notfallambulanzaufenthalt mit individueller psychologischer Betreuung (Ironie-Sarkassmus, keine Ahnung).

Ach ja, gegen 7 Uhr habe ich dann die Polizei gerufen. Wegen akuter Suizidgefahr… Nur, DIE Klinik, zu der man sie dann brachte, hat sie dann nach einem Gespräch heim geschickt, morgen (also heute) wäre ihr Betreuer ja da und jetzt wolle sie ja ohnehin nur schlafen…..

Mein Tag war gestern doch, vorsichtig formuliert, ziemlich turbulent.

Also, was kann man tun, um einen Arztkontakt, oder einen Klinikaufenthalt Autismus-kompatibel zu gestalten? Nicht wirklich viel. (In mir steigt gerade die Erinnerung an Sabine Kiefner auf. Es war eine grausame Zeit. Ich muss aber sagen, dass das Klinikpersonal nach anfänglichen Schwierigkeiten wirklich toll reagiert und agiert hat)

Auch wenn es inzwischen erheblich mehr Menschen gibt, die zumindest mit dem Begriff ‚Autismus‘ etwas anfangen können, ist der Wissensstand doch noch ziemlich mangelhaft wenn nicht sogar ungenügend.

Ich rate immer: seid offensiv. Verschweigt den Autismus nicht. Sagt was Ihr könnt, was ihr ertragt und vor allem: was nicht. Und wenn Ihr es nicht sagen könnt: dann schreibt es auf!!!

Oftmals hilft es auch, wenn man schon vorab eine kleine Information beim Arzt abgibt, die in den Foren als Autismuskarte ‚gehandelt‘ wird. Im Moment finde ich sie leider nicht, habe aber andere gefunden.

Ich selbst habe eine Ice-Card, die es im UK zu bestellen gibt, die aber leider nicht mehr außerhalb des UKs verschickt wird. An diese Karte habe ich einen auf mich zugeschnittenen (inhaltlich) Zettel geklebt, auf dem z.Bsp. die Daten meiner Kontaktpersonen stehen, sowie meine Besonderheiten.

Es gibt noch andere Karten, Links/Bilder hänge ich an. Fakt ist: man kann mit wenig Arbeit ein sehr effektives Medium schaffen, womit man sich etwas Stress erspart. Ob es allerdings bei unserem Gruppenmitglied geholfen hätte, welches immer wieder auf ihren Autismus hinwies… ich wage es zu bezweifeln, denn die Handlungsweise des Arztes ist nur als respektlos und auch stigmatisierend zu werten.

Tja.

Allerdings ist eine Mail auf den Weg zur Geschäftsleitung eben dieser Klink… dumm gelaufen. Auch wenn manche Autisten nicht mehr in der Lage sind sich zu wehren, ich gebe die Hoffnung einfach nicht auf, dass es dann andere gibt, die sich im Sinne des betroffenen Autisten wehren! Und richtigen Ärger machen.

Egal ob man Autist ist, Borderliner, sehbehindert, ’normal‘, Alkoholiker, Nichtalkoholiker, Choleriker, Nichtcholeriker, Spinner, Nichtspinner…..
man hat Respekt verdient! Unbedingten Respekt.
Und keine klischeebehaftete Behandlung eines übernächtigten Arztes!

Ganz kurz noch: obwohl Autistin, habe ich telefoniert, ja. Denn ich falle in solchen Fällen irgendwie in einen ‚klinischen Modus‘. Und ja, es war anstrengend, furchtbar anstrengend, die ganze Aktion. Außerdem hatte ich eine -sorry- Scheißenangst. ABER, obwohl ich Abends kaum noch wusste wie ich heiße, ziemlich fertig war: ich war ziemlich stolz!! Und ich hoffe, dass sie erkannt hat ’nicht über zu sein, nicht unfähig, nicht blöd‘!!

 

If I need help

Klasse, man kann sich auch eine individuelle Ice-Card basteln und muss nicht irgendwie den Einkauf im UK über Freunde abwickeln: ICE Card Österreich,

Ice Card, das Original

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