die ’selbst-verarsche‘

Das Thema Overload-Meltdown-Shutdown beschäftigt ja so ziemlich jeden, der entweder selbst Autist ist, oder eben auch die, die mit einem Autisten zu tun haben.

Ich bin dem die meiste Zeit ausgewichen, denn ich mag diese Begriffe nicht wirklich.

Okee, Overload ist nun mal dieses klassische zuviel von zuviel und man sollte sich dringend Ruhe ‚antun‘ um danach wieder einigermaßen ‚ins Lot‘ zu kommen. Das sind dann diese Situationen, sei es das Busfahren, sei es das Einkaufen, das Kaffeetrinken mit anderen, was auch immer, die so genannten Kleinigkeiten im Alltag, die für mich sehr anstrengend sind und je nach Ausprägung, Tagesform und auch den Personen überhaupt, mit denen ich irgendwie in Kontakt treten muss, zwangsläufig zu ‚Überladung‘ mit Eindrücken führt. Oftmals ist es nicht ganz so arg, ich bin wieder zuhause trink meinen Kaffee und es geht wieder. Wobei mein Zuhause, mein ‚Nest‘ ohnehin schon die sinnbildliche Akku-Ladestation für mich ist.

Nur, dann gibt es da noch den Meltdown. Den ich, ignorant (oder wegen meiner auch blöd) wie ich bin, mit in mein ‚off‘ gepackt habe. Diesen Begriff Meltdown an sich, dieses Wort, das mag ich überhaupt nicht. To melt = schmelzen, down = runten, unten. Runterschmelzen, wenn man es wörtlich übersetzt, der Begriff bedeutet aber tatsächlich Kernschmelze… ächz, was hat das mit mir zu tun? Ich bin kein Atom.

Aber egal. Dieser Zustand beim Autisten, also bei mir persönlich (auch das alles ist extrem individuell und ‚kennst du einen, kennst du einen‘ ist unbedingt zu beachten!) bedeutet: mein ‚off‘ ist weit überschritten. Mein Mann meinte heute Morgen ‚wenn Du in den Meltdown kommst, dann bist Du wie eine scharfe Handgranate‘ = es kann jederzeit durch eine unbedachte Bemerkung (bei der Granate ist es eine unbedachte Bewegung) zur ‚Explosion‘ kommen. Ich kann dann brüllen, ich kann dann heulen, es fliegen auch schon mal Teller oder Tassen. Irgendwann habe ich auch mal einen Gürtel geschmissen mit einer schweren Gürtelschnalle daran. Wenn ich getroffen hätte (ich kann glücklicher Weise überhaupt nicht gut werfen/treffen), hätte das mindestens eine Platzwunde nach sich gezogen. Ich werde dann meist sehr aktiv. Laufe hier hin, laufe dort hin, fange an zu plappern… und jede noch so kleine blöde Bemerkung dient dann der Explosion. Richtig blöd für andere ist, dass ich dann auch noch glasklar und messerscharf argumentiere.

Also: insgesamt eine zu vermeidende Geschichte, nur: das.kann.man.gar.nicht.vermeiden!

Und ich war eben so blöd und habe das mit in den Topf ‚Overload‘ gepackt. Ganz schön meschugge.

Der absolute Gipfel, also die Steigerungsfom des Ganzen ist dann der ‚Shutdown‘. Noch so ein bekloppter Begriff, denn wer lässt sich schon gerne niederschießen, erschießen?? (to shut = schießen) Tatsächlich bedeutet der Begriff ‚Herunterfahren‘. Well, das passt dann allerdings.

Wenn ich dieses Stadium (ja, auch das habe ich blöd wie ich nun mal bin, auch in den Pott ‚Overload‘ geschmissen) erreicht habe, dann geht tatsächlich nichts mehr. Dann sitze ich bestenfalls in meinem Schaukelstuhl und starre Löcher in die Luft, drehe an meinen Haaren, rupfe auch daran, flatter mit den Händen, wippe mit den Füßen, wackel mit den Zehen, dehne ebendiese,…. und.es.ist.gerade.nichts.wirklich.möglich. Der Impuls ins Bett zu krabbeln, die Decke über den Kopf zu ziehen ist ebenfalls sehr groß, nur schlafe ich dann auch ggf. stumpf ein, was bei mir wenig sinnvoll ist, zumindest tagsüber.

Fakt ist und da ist es nun wirklich egal, welches dieser 3 Stadien man gerade durch gemacht hat, oder alles 3 hintereinander: es ist wahnsinnig Energie raubend. Meine ‚Löffelschublade‘ ist schlagartig leer, egal ob ich ’nur‘ einen Overload‘ hatte, oder noch den ‚Meltdown‘ hinterher, oder den ‚Shutdown‘, ich bin platt. Und manchmal dauert es 2-3 Tage, oder auch schon mal etwas länger, um wieder einigermaßen bei mir selbst anzukommen.

Mir ist heute Morgen klar geworden, nachdem ich unter einem Posting einen Kommentar gelesen habe, dass ich mir lange lange Zeit wirklich selbst etwas vorgemacht habe. Warum und wieso ist mir momentan noch nicht klar, aber auf deutsch gesagt, habe ich mich selbst ‚verarscht‘.

Weil: nur im Overload herumzudümpeln ist schon blöd, aber doch noch besser als zuzugeben, dass man so ziemlich jeden zweiten Tag einen Shutdown hat, oder? (Das ist ironisch gemeint)

(Das hat irgendwie etwas von ‚die eigene Person herunter spielen‘, was ich grundsätzlich wirklich präferiere, denn ich betrachte mich nicht als wichtig. Außerdem möchte ich meinen Mann nicht noch mehr beunruhigen, er macht sich schon genug Sorgen und Gedanken.)

Wenn ich darf, ich habe nachgefragt, dann würde ich die besagte Erklärung gerne hier als Zitat einfügen, es wurde zwar öffentlich kommentiert, aber es gibt doch so gewisse Understatements, an die sollte man sich halten. Ich warte auf das ok. Und ohne ok mache ich das nicht.

Und ich habe das ‚ok‘ gerade erhalten. Danke Katja Marquardt! Sie schreibt unter einem Posting von ‚unbemerkt.eu‘:

Es gibt bei Autisten overload, meltdown, shutdown.
Dazu wurden schon einige Bloggbeiträge verfasst.

Der overload ist eine Überlastung des Nervensystems. Er kommt schleichend und man übersieht die ersten Anzeichen oftmals.
Gekennzeichnet durch Gereiztheit, Fahrigkeit, Konzentrationsprobleme, Fluchtgedanken.
Man sollte unverzüglich einen ruhigen Ort aufsuchen, der keine zusätzlichen Reize (zB Licht, Geräusche) bietet.
Wenn’s möglich ist, am besten nach Hause gehen, fahren.

Meltdown ist oft eine Folge des overloads, wenn man sich der Reizüberflutung nicht entziehen konnte.
Er wird oft , als Wutausbruch bezeichnet, ist aber eigentlich viel Schlimmer. Man hat sich nicht mehr unter Kontrolle, schreit, schimpft oder schlägt um sich.
Auch hier gilt, schnellstmöglich einen ruhigen Ort aufsuchen.

Der shutdown ist das völlige abschalten aller Systeme und tritt als letzte Reaktion des Körpers, auf Überlastung auf.
Es kann sein, dass man apathisch wird, nicht ansprechbar, völlig in sich versunken.
Ich zB bin bis ins junge Erwachsenenalter in solchen Situationen ohnmächtig geworden, einige schlafen ein, andere sitzen wippend in einer Ecke oder legen sich hin mit einem nach innen gerichteten Blick, der von außen starr und abwesend, fast leblos wirkt.

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