Betriebsblind

((Erklärung vorab: ich hatte mir geschworen, nachdem ich mit einigen Personen der autistischen Community schwer ‚aneinander gerappelt bin, zitiert, aber aus dem Zusammenhang gerissen, quer durch das Netz geprügelt wurde, nichts mehr zu bloggen, bzw. nichts mehr öffentlich zu bloggen. Inzwischen nehme ich diesen Schwur zurück, da das Schreiben für mich u.a. auch therapeutisch zu sehen ist, außerdem nähert sich der 2.4. und Aufklärung ist nach wie vor ein großes Ansinnen meinerseits. Und, Aufklärung kann man am besten betreiben, wenn man erklärt. Und da ich mit niemandem (meistens) rede, tatsächlich und real, und somit nicht real auf-er-klären kann, mache ich es eben schriftlich.
Wie bei allem was ich von mir gebe, muss ich auch jetzt wieder sagen/schreiben: es ist meine Meinung und ich habe nicht den Anspruch für alle zu sprechen; meine Meinung ist nicht ultimativ und es gibt immer jemanden, der dies alles anders erlebt!))

Betriebsblindheit bedeutet, dass man so eingefahren ist in dem was man tut, dass man Abweichungen nicht bemerkt, man kann es als Routine bezeichnen, nur steigt dadurch auch der Fehlerquotient. Normal ist es gebräuchlich in der Betriebswirtschaft, aber auch anwendbar in das tägliche Leben. Einen Link dazu hänge ich zum Schluss an.

Gibt es Betriebsblindheit auch in Familien?
Wie ist es mit den Besonderheiten von Familienmitgliedern, kann man betriebsblind werden?
Wie fühlt es sich an, wenn Familienmitglieder betriebsblind sind?

Wenn, wie hier bei uns 2 Familienmitglieder Autisten sind, ist es ganz sicher für jedes einzelne Familienmitglied eine pure Herausforderung. Das Zusammenleben zwischen Nichtautist und Autist gestaltet sich immer schwierig.

Vor allem, wenn Kinder in eine Familie hineingeboren werden, in der es scheinbar erst einmal alles komplett ’normal‘ zu sein scheint, ein Elternteil aber durchaus ’sonderbare‘ Persönlichkeitsstrukturen besitzt, strikte Routinen, strikte Notwendigkeiten, psychische Auffälligkeiten in Stresssituationen, ist es immer möglich, dass diese Kinder sich irgendwelche Routinen dieses Elternteils annehmen, sich selbst angewöhnen und/oder dieses Elternteil einfach so akzeptieren wie es ist.

Wenn dann in diese Familie ein außergewöhnliches Kind hinein geboren wird, das ähnliche Strukturen wie besagtes Elternteil aufweist, aber doch auch wieder ganz anders ist, dann wird es spannend. Zumal kaum ein Elternteil ein offensichtlich irgendwie beeinträchtigtes Kind ohne ärztliche Unterstützung lassen wird, oder ohne therapeutische Unterstützung.

Was ist dann, wenn in diesem Fall urplötzlich der Begriff ‚Aspergerautismus‘ ausgesprochen wird, eine Diagnostik der nächsten folgt, besagtes Elternteil ebenfalls dringend aufgefordert wird sich diagnostizieren zu lassen und in beiden Fällen, wenngleich auch im Abstand von mehreren Jahren eben genau diese Diagnose bestätigt wird: AUTISMUS?! Dann wird es erst recht spannend (das meine ich bitter ironisch).

Gerade bei ‚besonderen‘ Kindern, neigen Eltern, egal welcher Couleur ihre Persönlichkeit ist, dazu dieses Kind zu pushen, zu fördern, auch zu ‚pampern’*, zu verteidigen, zu erklären. Auch den Geschwistern gegenüber!

Oftmals löst dies alles allerdings auch Eifersucht der Geschwisterkinder aus, die sich, so habe ich es erlebt, mit der Zeit legt, aber es sind dennoch wirklich schwere Jahre. Und, löst sich diese Eifersucht tatsächlich zur Gänze auf? Ich denke, nicht immer, Restbestände bleiben.

Dann: was ist mit dem Elternteil, welches ebenfalls diese Persönlichkeitsstruktur und Besonderheit ‚Autismus‘ inne hat, das sich über die Jahre an seine Umwelt angepasst hat, assimiliert ist irgendwie, von den Kindern so gesehen wird ‚das ist eben Mama / das ist eben Papa‘, aufgrund der Elternschaft irgendwie in der Lage, in Notsituationen, oder auch vielen anderen Alltagssituationen ‚artgerecht‘ zu reagieren? Regelmäßig über die eigenen (wirklichen) Möglichkeiten geht, weil es geht ja um das ‚Kind‘, regelmäßig geflasht wieder zuhause ankommt, erst mal eine Runde schaukelt, im Kreis rennt und versucht irgendwie wieder in die eigene Mitte zu kommen.

Wie fühlt es sich an, wenn dieses Elternteil dann irgendwann tatsächlich um eine Hilfestellung bittet?
Es fühlt sich dumm an, blöd und einfach falsch. Aber, es gibt Situationen, da geht es einfach nicht anders.
Oftmals wird einem diese Hilfestellung gegeben, weil, so erweckt sich in der Retrospektive der Eindruck (bei vielen Eltern ist es die Norm, so auch bei Eltern, die ‚anders‘ sind denke ich und es ist ja auch nichts schlimmes) ‚Wenn ich mit Mama/Papa dies das oder jenes mache, fällt doch sicher auch für mich was schönes ab. Er/sie hat immer so nette Ideen‘ oder aber auch ‚mir wurde geholfen, also helfe ich auch!‘.

Ich denke, Kinder von autistischen Eltern haben es nicht leicht. Ich denke aber auch, dass diese Eltern es nicht leicht haben!

Denn: diese Kinder übersehen ganz ganz oft die Besonderheit der Eltern. Nehmen sie als ’normal‘, weil sie sind ja irgendwie handlungsfähig und springen, wenn die Kinder ‚brüllen‘. Nur wird jedes einzelne Mal übersehen, wie furchtbar anstrengend dies alles ist.

Wenn die Kinder klein sind, ist es notwendig und auch normal über die eigenen Möglichkeiten zu gehen. Man spricht mit jedem der notwendig ist, geht zu Elternsprechtagen, geht zu diversen Anmeldeterminen, sucht den Arzt auf, begleitet zum Sportverein, jubelt, lacht, meckert, alles was gerade notwendig ist.

Wenn die Kinder aber ‚flügge‘ werden, sich der Ablösungsprozess vom Elternhaus zeigt und in Bewegung setzt, dann kommt auch so langsam Entspannung in die autistische Mutter / in den autistischen Vater, denn: man wird nicht mehr so oft gebraucht, das Kind ist ‚fit‘ und geht seinen Weg. Bestenfalls.

Wenn das Kind dann erwachsen ist, eine eigene Wohnung hat, eigenes und ausreichendes Einkommen, dann sollte sich das Verhältnis zu den Eltern meiner bescheidenen Auffassung nach, in ein gleichberechtigtes und freundschaftlich warmes Verhältnis verwandelt haben.

Nur, was ist, wenn man genau DANN erlebt, dass das Kind, das vollumfänglich von den Problemen der Mutter/des Vaters weiß, sich hervorragend über Autismus auskennt, sich der Schwierigkeiten bewusst ist, keinerlei Rücksicht auf die autistischen Befindlichkeitsprobleme dieses Elternteils nimmt???
Au verdammt! Richtig. Das tut verdammt weh. Und genau hier ist die Betriebsblindheit innerhalb von Familien in denen es Besonderheiten gibt, die nicht auf den ersten Blick plakativ im Auge des Betrachters aufblinken.

Kann man dagegen irgendetwas tun? Ja, klar. Man könnte es ansprechen, man könnte darauf hinweisen… aber, es würde Stress verursachen, die ich unbedingt vermeiden werde.

Ich muss akzeptieren, dass meine Kinder ihr Leben leben, dass sie nicht bereit sind auf meine sonderbare Person Rücksicht zu nehmen, bzw. nur bedingt.
Ich muss akzeptieren, dass ich für meine Kinder nicht behindert bin, sondern einfach nur ggf. anstrengend und irgendwie schräg, dass sie übersehen, was für Probleme ich habe, wenn ich notfallmäßig binnen einer halben Stunde gestiefelt und gespornt in die Stadt eile, nur um das Auto zu übernehmen, weil es dem Kind gerade schlecht geht.
Ich muss es akzeptieren, irgendwie, dass Dinge gesagt, oder nicht gesagt werden, dass Dinge passieren, oder nicht passieren, für die ich so dringend Erklärungen bräuchte (weil, dieses Gegrübel ‚WARUM??‘ macht mich echt kaputt), sie aber nie -friedlich- bekommen werde.

Für die einen ist es unverschämt, wenn Kinder so agieren, egoman und gedankenlos, für mich ist es ambivalent. Zum einen bin ich froh, dass man mich nicht in Watte packt, zum anderen fühle ich mich regelrecht getreten und verfluche die Betriebsblindheit meiner Kinder.

Wie geschrieben: das Zusammenleben Autist – Nichtautist ist nicht einfach.

Aber einfach wäre auch langweilig.

Handelsblatt zu ‚Betriebsblindheit‘

*pampern bedeutet: Redensarten zu ‚pampern‘

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