Inklusion-Recht auf Bildung-Autismus

Ich habe gerade einen Artikel gelesen, der mich sehr traurig, aber auch wütend, macht: Artikel Welt

Die Situation erinnert mich in Anteilen an unsere Situation.

Bei meiner Recherche musste ich gerade erkennen, dass dieses so viel zitierte ‚Recht auf Bildung‘ noch nicht einmal in unserem Grundgesetz deutlich formuliert verankert ist. Das Recht auf Bildung besteht lediglich als ein universelles Menschenrecht, das in den Statuten der UN manifestiert ist, denen sich ein Staat wie der unsrige anlehnt und diese auch akzeptiert und angeblich respektiert.

Unser Sohn ist im Oktober 2 Jahre aus der Schule. Als Schulabbrecher.
Er steht im Status 8. Klasse mit Ach und Krach absolviert. Nicht, weil er dumm ist; nicht, weil er die Schule schwänzt. Er verweigert sich aufgrund 8 Jahren Mobbing und Ausgrenzung, welches Ende Klasse 8, Anfang Klasse 9 eskaliert ist. An einer Förderschule.

Auf die er nach der Grundschule grundsätzlich nicht gehört hätte.

Wogegen wir Eltern damals keinerlei Einspruchmöglichkeiten hatten.

Wegen dem ‚Klüngel‘ im hiesigen Stadtteil aufgrund der Vernetzung der Schulen und undurchsichtiger und angeblich nicht vorhandener Absprachen zwischen den Schulen.

Nun gut, darüber habe ich schon viel geschrieben in der Vergangenheit und möchte aufgrund meiner eigenen Stresssituation nun nicht wieder einmal ‚darauf herum reiten‘.

Mich beschäftigt gerade viel mehr eine Mail vom Jugendamt.

Wir planen unserem Sohn einen Schulabschluss an der Webschule zu ermöglichen. Haben Kontakt zu dieser Schule aufgenommen, Unterlagen liegen uns vor und theoretisch könnte er sofort dort beginnen. Was noch nicht möglich ist, da er noch immer eher auf ‚Sparflamme‘ mit der Außenwelt in Kontakt tritt und sich nur in seiner Welt aufhält. Wie gesagt: ‚Sparflamme‘, es wird. Langsam, ganz langsam, aber es wird… so ist unsere Planung, dass er nach den Sommerferien nach Möglichkeit wieder beschult wird.

Nur, unser Jugendamt, so sieht es aus, wird dem nicht stattgeben.

Ich habe gestern eine Mail der von mit bislang hochgeschätzten Sachbearbeiterin bekommen, in der sie schreibt, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass uns dies mit einer ‚Einzelfallentscheidung‘ (also keiner generellen Möglichkeit und auch ohne einen Hauch von Chance) bewilligt wird.

Und da greift meine Frage nach dem Recht auf Bildung für JEDEN. Auch für traumatisierte Autisten.

Ich bin geschockt, ratlos, frustriert und leicht panisch.

Zum einen haben wir noch ein Jahr unbedingte Schulpflicht vor uns, die es gilt zu überstehen. Weswegen ich bislang keine Sorge hatte. Nur, die Frage nach der Hausbeschulung kam auch in der Mail auf. Was ist, wenn das Jugendamt unbedingt darauf drängt, dass zumindest diese Beschulung stattfindet (was ja grundsätzlich nicht verkehrt ist, aber eine Beschulung darstellt, die rudimentär rudimentär ist (bewusst so geschrieben, weil aus meiner Sicht so kaum von ‚Bildung‘ geredet werden kann, geschweige denn geschrieben). Einer Beschulungsform, die unseren Sohn in keinster Weise weiter bringt, außer, dass er gezwungen ist, sich mit sozialen Kontakten auseinander zu setzen, die er nicht zulassen will (sh. Trauma). Okee, da kann man geteilter Meinung sein, ob sinnvoll oder nicht, ich bin jedenfalls sehr ambivalent im Bezug auf dieses Thema.

Einerseits bin ich froh, dass diese sonderbaren Verhaltens- und Auslegungsweisen seitens Behörden inzwischen thematisiert werden,

ich bin froh, dass es inzwischen Gerichtsentscheide gibt, die festlegen, dass es individuelle Förderpläne für beeinträchtigte Schüler geben muss (wenngleich dies noch nicht abschließend beschieden ist),

dennoch bin ich frustriert und unendlich traurig, dass wir wieder einmal durch das allgemeine Raster zu fallen scheinen.

Ich/wir sind weder bereit unseren Sohn ‚zu brechen‘ indem wir ihn auf ein (wie von der bisherigen Schule geforderten) Internat stecken, weit weg.
Noch sind wir bereit ihn ‚auf Deubel komm raus‘ weiter zu traumatisieren, jetzt wo er sich so langsam wieder fängt.
Noch sehen wir eine Möglichkeit ihn an irgendeiner Regel- oder Förderschule hier in der Stadt anzumelden und weiterbeschulen zu lassen.

Das Setting stimmt nicht.

Inklusion und Nachteilsausgleich sind schlechte Witze.

Die Lehrer sind wenig bis nicht bereit mitzudenken, tolerant zu sein, empathisch.

Der gesellschaftliche (und behördliche) Druck ist gerade mal wieder extrem. Zuviel für mich.

Quellen und Erklärungen:

Bayr. Verwaltungsgericht im Bezug auf Homeschooling/Onlineschule

Bildungswerk zum Thema ‚Recht auf Bildung‘

Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema ‚Menschenrecht – Recht auf Bildung‘

Bildungsserver zum Thema Autismus (Linksammlung)

 

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5 Gedanken zu “Inklusion-Recht auf Bildung-Autismus”

  1. Oh mann das tut mir leid. Unser Jugendamt hätte es auch nicht bezahlt. Und 800 Euro sind mal nicht so einfach locker zu machen. Ich finde Bochum super vom Konzept und habe die Unterlagen hier liegen. Komischerweise hat das Jugendamt aber Gelder für Internate die nicht gerade günstig sind. Ich hoffe ihr findet noch eine Lösung

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    1. Momentan denke ich ‚es gibt hier in der Stadt einen hervorragenden Anwalt für Sozialrecht, der selbst ein behindertes Kind hat….‘
      Wer kann heutzutage 800€/Monat bezahlen? Wobei das bei den Gehältern eigentlich ein Witz ist, aber das schaffen wir definitiv nicht. = wir müssen irgendwie dieses eine Jahr überstehen und dann weiter schauen.

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  2. Danke für den Artikel!
    Was hier wieder deutlich wird: Von Einzelfällen kann längst keine Rede mehr sein. Eine traumatisierte, nicht beschulbare Autistin habe ich auch hier sitzen. Nicht nötig zu erwähnen, dass ich selbst ebenso fertig bin.
    Überall liest man von katastophalen Fällen bzgl. Schule.
    So wünsche ich Euch allen ganz viel Kraft!

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    1. Danke. Das gleiche wünsche ich Dir + Co, denn ich lese bei Dir durchaus mit, nur bin ich momentan wirklich nahezu sprachlos, was die Entwicklungen ringsum und auch sehr breit gefächert betrifft.

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    2. Was mir jetzt Stunden später noch durch den Kopf geht: dieses ‚Einzelfall‘ ist die Häme schlechthin.

      Wir sind ganz viele. Oftmals versteckt, angepasst, weggesperrt, konditioniert, diszipliniert… aber, egal wie und wo wir sind, sehr viele habe ähnliche bis gleiche Probleme.

      Das die Politik, sowie die Behörden, immer wieder von ‚das ist doch nur ein Einzelfall‘ im direkten Zusammenhang mit Autismus und den schwerwiegenden Problemen von autistischen Schülern und Arbeitnehmern spricht, ist unfassbar. Immer wieder unfassbar.

      Und ich habe gerade gedacht: warum machen die sich eigentlich immer noch etwas vor? Es gibt uns, die erwachsenen Autisten, die z.T. am Rand der Gesellschaft leben (womit nicht unbedingt wirstschaftlich gemeint ist), die verzweifelt versuchen ihren z.T. ebenfalls autistischen Kindern mehr zu ermöglichen. Wohl wissend, was alles passieren kann, wir sind so zu sagen ‚lebende Exclusions-Seismografen‘, nur hört man uns nicht zu. Man ignoriert uns als Spinner, als übersensible Helikoptereltern (was Autisten qua Persönlichkeitsstruktur eher nicht sind) und einfach nur Störfaktoren.

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