Burnout vs. Autistic Burnout

Ich setze mich seit 2 Tagen massiv mit diesem Thema auseinander.

Zum einen war mir nicht bewusst, dass im englischsprachigen Raum unterschieden wird, zum anderen finde ich dieses Auseinanderklamüsern unglaublich spannend.

Der ‚klassische‘ Burnout, von dem früher gesagt wurde, dass er nur in medizinischen Berufen vorkommt (was, mit Verlaub,  kompletter Blödsinn ist), bedeutet, dass jemand den Anforderungen im Beruf nicht mehr standhält. Die Person ist überfordert mit dem Leistungsdruck, empfindet einen massiven Abstand zu seinem Beruf, was vorher durchaus gegenteilig gewesen sein kann. Man fühlt sich nicht mehr leistungsfähig, bewegungsunfähig, nicht mehr richtig im Job…

So weit, so schlecht.

Man kann jetzt sagen: ‚Ok, das kann jeder nachvollziehen, das sind Dinge, die auch jeder Autist versteht und erkennt..‘ Wirklich?

Ich denke, dass ein autistic Burnout noch ganz anders zu beschreiben ist:

aufgrund der fehlerhaft vorhandenen oder nicht vorhandenen Filtermöglichkeiten, besteht ein massives zuviel an zuviel.
Aufgrund oftmals vorkommenden Kommunikationsproblemen, ist man kaum bis nicht in der Lage seine Probleme zu schildern. Man versteht ‚die Welt nicht mehr‘ (was ohnehin schwierig ist). Oftmals werden wir Autisten in der Arbeitswelt als irgendwie nicht vollwertig wahrgenommen, weil wir für andere sonderbare Skills haben. Sei es das Schaukeln, sei es das Fingerverdrehen, das Wackeln mit dem Bein, Rupfen der Haare, Echolalie, wörtliches Verständnis, Summen, sonderbare Geräusche die man von sich gibt… die Liste ist endlos.
Das Verständnis von zwischenmenschlichen Interaktionen wie ‚warum spricht man über das so offensichtliche Wetter, und dann auch noch stundenlang??‘, oder generell dieser Small Talk (sinnlos im Quadrat), dieses Ausweichen vor dem Small Talk wird von vielen als Desinteresse und auch Borniertheit angesehen, warum umarmt man sich zur Begrüßung, warum dies, warum das… überfordert in einem nicht unerheblichen Maß.

Dann die Tage, die einfach nicht gut sind, wo man aber dennoch irgendwie funktionieren muss und doch am liebsten einfach zuhause bleiben würde (ich weiß, hat jeder, aber bei Autisten ist das eine Notwendigkeit, manchmal).

Viele Autisten erleben außerdem, dass sie gemobbt werden. Dies führt schon bei Nichtautisten zu erheblichen gesundheitlichen Problemen, kann aber bei Autisten zu massiven somatoformen Störungen führen, die sich manifestieren und zu einem massiven Zusammenbruch führen können. Die Therapie ist bei Nichtautisten schon nicht ganz einfach, aber NTs sind in der Lage zu filtern, sie sind in der Lage sich über ihre Befindlichkeiten hinwegzusetzen und auch sich zu wehren, wo ein Autist zumeist sprachlos zurückbleibt. Oder aber, worst case, ziemlich ausfallend werden kann, was natürlich nicht von Vorteil ist.
Die Therapie eines Autisten mit Burnout ist nicht so ganz einfach, denn es gilt zunächst die erlebten Interaktionen auseinander zu dröseln und ein guter Therapeut versteht sich als Übersetzer und erklärt. Das dumme ist nur, dass nur es winzigste Impulse braucht, und wenn es nur ein Geruch ist, den Autisten wieder in den Zustand der Überforderung zu schleudern. Somit kann ein scheinbar ‚abgehaktes‘ Problem in der übernächsten Sitzung wieder aktuell sein. Es ist ein ständiges auf und ab.

Aus meiner eigenen Erfahrung, und ja, bei mir wurde Burnout auch diagnostiziert, nur ohne den besagten Zusatz ‚autistic‘, muss ich sagen, dass diese jahrelange Überforderung, Selbstüberforderung, dieses gezwungenen Anpassen an gewisse Konventionen, dieses gezwungene ‚ich muss das jetzt..‘ erhebliche gesundheitliche Probleme hervorgerufen hat, die es mir unmöglich machen in der Arbeitswelt zu bestehen. Ich habe das Vertrauen verloren. Wenn ich darüber nachdenke, dass meine EU-Rente Ende Januar 17 ausläuft und ggf. nicht weiter bewilligt wird, bekomme ich jetzt schon erhebliche Probleme! Ich nehme lieber die Einbußen einer viel zu früh bewilligten Rente auf mich, als dass ich mich weiter versuche zu ‚assimilieren‘ und somit kaputt mache. (Außerdem sollte es erlaubt sein eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufzustellen, denn was bringt es, wenn ich wieder arbeite, erheblich krank werde (möglicher Weise) und damit noch höhere Kosten verursache?)

Ich wünsche mir, dass dieser Begriff ‚Autistic Burnout‘ auch hier ankommt, denn, auch wenn die Symptome ähnlich sind, die Auswirkungen auf die Person, ganz individuell, sind gravierend unterschiedlich. Und zu der ‚Behinderung‘ Autismus noch die Beeinträchtigung ‚Burnout‘ ertragen zu müssen, das ist eine ‚Hausnummer’…

Eins noch: wir Autisten können, wenn wir den optimalen Job haben (gibt es den?) unglaublich viel leisten, aber wir sollten niemals, wirklich never ever, dauerhaft über unsere Grenzen gehen.

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Ein Gedanke zu “Burnout vs. Autistic Burnout”

  1. Ich bin später am Rechner und kopiere dazu mal ein paar Sachen zu „persönliche Voraussetzungen“ um einen burn Out zu erleiden – und die Stadien, vielleicht kann man die direkt mit autistischen „Symptomen“/Anzeichen verknüpfen.

    Ist auffällig, dass eigentlich jeder hoch funktionale prädestiniert für burn Out ist.

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