frisch diagnostiziert und nu?

Ich möchte deutlich machen, vorab, dass dies meine Ansichten sind. Ich habe nicht den Anspruch, dass meine Meinung von allen geteilt wird und vor allem: Meinungen sind so individuell wie der Mensch selbst.

Du bist gerade diagnostiziert worden, hast eine Diagnose Asperger-Autismus, und fühlst Dich gerade grandios. Etwas wurde bestätigt, was Du schon lange geahnt hast und eventuell sogar aufgrund Selbstdiagnostik irgendwie schon für Dich akzeptiert hast.

Nach langen Jahren sich anders zu fühlen bist Du endlich angekommen. Wirklich, herzlichen Glückwunsch! Du hast eine unglaubliche Chance geschenkt bekommen!

Du wirst wahrscheinlich viele Jahre gedacht haben ‚was ist bloß los mit mir?‘, oder andere haben Dich belächelt, wenn Du mal wieder Endlosgespräche über deine Hobbies geführt hast, bzw. eigentlich waren es doch Monologe, richtig?!
Eventuell hast Du Mobbingerfahrungen gesammelt, weil die anderen Dich als sonderbar, eigenbrödlerisch, spleenig und/oder spinnert betrachtet haben.
Eventuell bist Du depressiv geworden, weil Du viel zu lange am Rande der Gesellschaft gelebt hast, im Sinne von: du hast nie irgendwo richtig dazu gehört, hast viele Interaktionen nicht verstanden, weil Dir nicht in den Kopf ging, warum Menschen so oder so reden oder agieren. Und doch hast Du so getan, als wenn Du alles verstanden hast, nur um nicht aufzufallen und hast dann möglicherweise tagelang über die jeweilige Situation nachgedacht, was Dich zudem auch noch massiv blockiert hat.

Möglicher Weise bist Du auch in einem Burn Out gelandet (habe gerade gelernt, dass man im englisch sprachigen Raum auch einen ‚Autistic Burn Out‘ definiert, was ich absolut grandios finde), was als Grund für die jahrelangen Überforderungen zu sehen ist, denn die Reizüberflutung sind für einen autistischen Menschen, der nicht weiß, warum das alles so ist, fast noch viel schlimmer, als für einen diagnostizierten Autisten, der ggf. schon irgendwelche Routinen entwickelt hat, die Überflutungen zu puffern.

Du wirst jetzt einen so genannten Höhenflug erleben. Das ist Dein gutes Recht, denn endlich weißt Du, dass Du NICHT psychisch krank bist, dass mit Dir alles organisch in Ordnung ist, Dein Gehirn hat nur einen anderen Prozessor…. nur…

Mir wurde nach meiner Diagnose von einer weisen Frau gesagt ‚Bitte sei vorsichtig. Du wirst ein Jahr brauchen, Dich mit dieser Diagnose zu arrangieren.‘ Ich möchte hinzufügen: Du wirst ‚abstürzen‘, es wird Dir möglicher Weise psychisch sehr schlecht gehen; Du wirst alles ‚durchkauen‘, was in den letzten Jahren oder Dekaden geschehen ist; Du wirst Dich wundern und Du wirst Dich ärgern; aber irgendwann ist wirklich alles gut.

Du wirst, wie ich damals, jetzt lachen und sagen ‚wieso, ich habe es doch geahnt, eigentlich wusste ich es doch und jetzt geht es mir so gut damit!‘. Das ist letztendlich die Bestätigung dafür, dass Du in dieser Diagnose richtig bist, meiner Meinung nach, denn Du erkennst Dich darin. Aber mit diesem Erkennen, werden sich andere Türen in den Erinnerungen öffnen!

Du wirst erkennen, wann Fehlentscheidungen gefällt wurden.
Du wirst erkennen, welche Deiner Freunde tatsächliche Freunde sind.
Du wirst erkennen, sehr deutlich, wo Deine persönlichen Grenzen liegen.
Du wirst erkennen, welcher Weg für Dich gangbar ist.
Du wirst erkennen, welche Entscheidungen Du treffen MUSST.

Und Du wirst erkennen, ob Du überhaupt in der Lage bist, so weiter zu leben, wie bisher.

Und genau DAS ist der Knackpunkt am großen Ganzen.

Ich selber habe mit meiner Diagnose einen Radikalbruch hinnehmen müssen. Zum einen bin ich aus dem aktiven Berufsleben ‚heraus geflogen‘ weil man mir direkt nach der Diagnose gekündigt hat, warum auch immer…. ich bin massiv depressiv geworden, hatte dezente und sehr kurzfristige suizidale Anwandlungen (aber glücklicher Weise eine Familie, die dies aufgefangen hat!), ich war in keiner Weise in der Lage mir eine neue Arbeit zu suchen, denn die Mobbingerfahrungen zählten viele Jahre und ich konnte auf mal dieser Belastung nicht mehr stand halten. Ich hatte Glück. Wirklich unglaubliches Glück, dass ich eine Familie habe, dass ich Ärzte an meiner Seite hatte, die mich engmaschig unterstützt und gestützt haben, dass ich einen Therapeuten gefunden habe, der mich wirklich unglaublich unterstützt.

Ich habe wirklich ein ganzes Jahr gebraucht wieder irgendwie ‚ins Lot‘ zu kommen, mich zu erkennen, meine Stärken und Schwächen zu definieren und mich als ein durchaus vollwertiges Mitglied dieser Gemeinschaft zu sehen, auch wenn ich nicht mehr arbeite.

Du wirst erleben, dass Leute, die Du ggf. zu Deinem Inner Circle zählst, Dich nicht mehr verstehen, verstehen wollen, sich abwenden. Oder gar Bemerkungen bringen wie ‚ach, stell Dich doch nicht so an, das habe ich doch auch alles...‘ oder ‚hat nicht jeder irgendwie autistische Anteile?‚, oder schlicht ‚Du spinnst!‚. Die Liste dieser Bemerkungen füllt unzählige Blogs. Die Liste der Klischees mit denen Du per sofort zu kämpfen haben wirst, ist unglaublich lang.
Ebenso wirst Du erleben, sofern Du Freunde hast, dass es Leute geben wird, denen das alles egal ist, die an Deiner Seite stehen, egal ob Du flatterst, Deiner Haare ausrupfst, zum xten Mal über Deine Hobbies monologisierst, oder gar gerade mal nicht unter Menschen gehen kannst.

Ich bitte Dich: lass dies alles zu. Wenn Du jetzt dabei bleibst, Dich weiterhin zu verdrehen, in dem dringenden Wunsch dazuzugehören, oder aus dem Irrglauben heraus ‚ich muss doch aber..‘, dann wird es ganz schlimm. Akzeptiere bitte, wie Du bist (ich höre Dich lachen ‚tue ich doch..!‘, ja, noch..), wer Dich so sieht wie Du tatsächlich bist, manchmal sicherlich sehr anstrengend für andere (aber wer außer Dir sieht, wie anstrengend andere für Dich sind?? *zwinker*), der wird Dich begleiten.

Und, wenn dieser Einbruch kommt, den ich oben beschreibe, vergrabe Dich bitte nicht. Such Dir im Vorfeld, jetzt, einen Therapeuten, oder sprich mit Deinem Arzt, der Dich diagnostizierte, dass es möglicherweise eben jetzt zur Identitätskrise kommen kann, ob und dass er Dich dann bitte auffängt, er wird es tun!!

Wir gesagt, meine Meinung. Ich vertrete die Auffassung: alles kann, nichts muss. Es muss nicht sein, dass Du diese Erfahrungen machst, aber es KANN sein.

Ich sehe den Menschen an sich als unique an. Jede Psyche ist anders, ebenso wie jeder Autist anders ist als andere Autisten. Alles das was Dich ausmacht, bleibt, ist nur eben autistisch. Du kannst deswegen trotzdem extrovertiert sein, oder auch ein Narzisst, oder ein hoch-sozialer Mensch, nur bist Du eben auch Autist.

Du wirst viele Menschen kennen lernen, die eine ähnliche Geschichte haben. Und, auch wenn Dich wohl-möglich Leute verlassen, von denen Du dies nie angenommen hättest, Du wirst neue Leute kennen lernen!!!

Bitte geb Dich nie auf! Jeder Mensch ist wie gesagt einzigartig, egal wie er/sie ist. Auch wenn dies manchmal ziemlich schwer zu akzeptieren ist, dass man selbst auch einmalig und verdammt gut (toll) ist.

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8 Gedanken zu “frisch diagnostiziert und nu?”

  1. 😉
    Dafür wäre es eigentlich angemessen dir diese enorme Menge inflationär gebrauchter Herzen 💕 zu kommentieren.

    Das ist ein schöner Text. Irgendwie hoffe ich daraus auch eine gewisse entspanntheit im Stress ableiten zu können. Wäre dir und euch zu wünschen.

    So individuell der Weg auch ist, wenn am Ende wirklich die selbstakzeptanz beginnt, dann fühlt es sich unendlich gut an.
    Obwohl wirklich vermutlich alles so ist wie immer.

    Bei mir waren es drei Jahre plus die Jahre davor. Selbst nach der asperger Diagnose hab ich weiter „gegen mich gearbeitet“…

    Seit zwei Wochen bin ich ruhiger…Da hat sich ein richtig dicker Knoten gelöst. Ein sehr überraschender und merkwürdiger Moment… Im dem ich vor meinem besten Freund „die Maske hab fallen lassen“ versehentlich… Das war für ihn auch überraschend aber: wir sind weiter Freunde auch wenn wir nun wissen wie unterschiedlich wir sind. Find ich gut.

    Vor drei Monaten habe ich begonnen, meine kompensatitionen als „meine Fähigkeiten in meinem Leben zu bestehen“ zu betrachten. Und nicht mehr als etwas was ich tun musste, um mich zu tarnen.

    Vermutlich war das der Ausgangspunkt bei mir. Ich mag den Gedanken etwas für mich erarbeitet zu haben, mit dem ich arbeiten kann, für mich.

    Dein Text passt heute perfekt zu Tag 90 ohne „über meine Grenzen zu gehen“ – freiwillig und selbstbestimmt. Nicht um „weniger autistisch zu sein“ sondern weil es jetzt wieder Freude macht, ich zu sein…

    (wenn das nicht alles immer so „esoterisch“ klingen würde ;-))

    Im Augenblick stöber ich beim zen – Buddhismus. Das Konzept dort die „volle Wahrnehmung“ zu nutzen und zuzulassen hilft mir erstaunlich gut, Tumult zu ertragen.
    Ich kann es ja eh nicht ausblenden, und werde für den Versuch nicht noch mal alle meine kraft opfern…

    Autustic burn Out….?

    Das lese ich nach.

    Lieber Gruß

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    1. vielen, vielen Dank.

      Ich weiß, wie hart Du an Dir selber arbeitest. Und ich habe auch mitbekommen, wie selbstkritisch Du bist (was ich ebenfalls fast bis zur Selbstzerstörung bin *zwinker*). Ich denke, Du bist auf einem wirklich super gutem Weg!!!

      Was den Autistic Burn Out betrifft, da gibt es ein wirklich tolles Video, mir wurden aber noch eine Fülle an anderen Links zur Verfügung gestellt (Danke dafür!!!), die ich erst einmal selber in Ruhe ansehen und verstehen möchte. Wie immer, wie sollte es auch anders sein, in english…: https://www.youtube.com/watch?v=DZwfujkNBGk&feature=youtu.be

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      1. Cool, danke.

        Ich schätze zum richtigen verstehen und dann abhaken ist diese Information echt noch mal nützlich 🙂 Bin gespannt.
        Und je mehr solche Zusammenhänge erkannt werden umso besser hilft es den „nachfolgenden“.

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      2. Denke ich ebenfalls.

        Und für die ’nachfolgenden‘ ist es immer wichtig, dass ‚wir‘ aufklären, erklären… ohne irgendwelche ‚Zeigefinger‘, die wir erheben, das machen schon andere mehr als genug.

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  2. Danke für den tollen Text. Ich kann alles genau so unterschreiben, stecke ich doch grade selber genau da drin und bin zum Glück so langsam in den Endzügen des Wandels angekommen. Ich hätte nie gedacht, WAS da für ein fetter Rattenschwanz an Dingen noch hinterherkommt. Wer mich alles verlassen wird, was passieren kann, was mich umhaut etc. Dabei war doch vorher alles eh schon klar. Das ist schon ganz schön heftig und darauf hat mich niemand vorbereitet. Aber ich denke es gehört dazu, es gehört dazu auf dem Weg des endlich richtig und echt seins. Also weiter gehts!

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  3. Vieles in diesem Text kann ich bestätigen. Meine Zweitreaktion auf die Diagnose, neben der Erleichterung, eine Antwort auf all die offenen Fragen erhalten zu haben, war, in ein tiefes Depressionsloch zu fallen, als mir klar wurde, dass mein lebenslang verfolgtes Ziel, „normal“, also endlich irgendwann so wie alle anderen um mich herum zu werden, somit unerreichbar geworden war.

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