eine Autistin im Krankenhaus

Eine Autistin im Krankenhaus

Eine Autistin wurde krank, sie wurde so schwer krank, dass sie von einer Freundin, die medizinisch arbeitet, dringend ins Krankenhaus geschickt wurde.

Die Autistin hatte große Probleme damit ins Krankenhaus zu gehen, hatte sie doch seit jeher Probleme mit Menschenmassen, Berührungen, neuen Eindrücken.

Diese Autistin stand in engem Kontakt mit einer Gruppe von Frauen, 3 davon auch autistisch, eine nicht autistisch. Diese Frauen waren befreundet, richtig und warmherzig befreundet.

Als die Autistin nun ins Krankenhaus fuhr machten sie die anderen 4 Frauen nach einer gewissen Zeit große Sorgen, denn sie hörten nichts mehr von der Autistin. Sie war wie vom Erdboden verschluckt.

Nach einigen Tagen meldete sie sich bei ihren Freundinnen. Sie lag stationär im Krankenhaus und sie litt.

Sie litt, weil niemand sie verstand, wenn sie die Berührungen bei den Untersuchungen nicht ertragen konnte, weil sie Bedingungen im Krankenzimmer nicht ertrug, diese ständig neuen Leute. Man hielt sie für komplett hysterisch, psychisch krank und vollkommen durchgedreht. Man verabreichte ihr Medikamente um sie ruhig zu stellen.

In dem Gespräch, dass sie mit einer ihrer Freundinnen führte wurde klar, dass man ihr helfen müsse.

Die Freundinnen fingen an zu agieren, sie fingen an nach Möglichkeiten zu suchen der Freundin zu helfen. Vollkommen aufgeregt und in Sorge um die Freundin. Man hatte die Idee, das Buch, welches die Freundin geschrieben hatte, welches sie als Autistin “auswies“, ins Krankenhaus zu bringen, so dass das Pflegepersonal schon einmal einige Informationen bekommen könnte.

Eine der Freundinnen fing an zu telefonieren, rief das SPZ an, wo die Freundin bekannt war, bekam eine Telefonnummer einer anderen Frau, die dieses Buch habe. Sie rief diese Frau an, die auch sofort versprach “ja, ich fahre sofort dahin!“. Sie informierte ihre Freundin im Krankenhaus, dass sie jemanden geschickt hätte, diese Frau würde auch sofort losfahren und ins Krankenhaus kommen. Die Autistin war fassungslos, denn die Freundin hatte ihre andere Freundin gefunden, die, die sie schon so lange kennen würde und sie weinte vor Freude.

Nur, diese Frau, keine Autistin, verstand unter “sofort“ nicht das gleiche, wie die Autistinnen. Sie meinte damit: am nächsten Tag. Die Autistin muss furchtbar traurig gewesen sein, aber am nächsten Tag wurde es etwas besser für sie.

Eine der Freundinnen aus der 5er-Gruppe informierte einen Arzt, der Fachmann für Autismus ist und klärte ihn über die Situation auf und bat um Hilfe. Dieser Arzt rief seinen Kollegen an und erleichterte somit der Autistin zusätzlich noch ihre Situation.

Die Autistin hielt Kontakt mit ihren Freundinnen, aber es wurde zusehends schwierig, sie brauchte das Internet um zu Kommunizieren. Die Freundinnen organisierten ihr eine Möglichkeit, ein Smartphone, das eine weitere Freundin ins Krankenhaus brachte.

Nur, ab hier wurde es schwierig.

Die Frau, diese Freundin aus alten Tagen, die mit dem Buch, sie konnte nichts mit dieser Freundschaft anfangen.

Sie hatte schon in den ersten Tagen eine komplette Informationssperre verhängt.

Das, was die Freundinnen ohnehin taten, also Schweigen, weil keine irgendwelche Falschinformationen streuen wollte und später, als es immer eindeutig schlimmere Befürchtungen gab, keine darüber zu sprechen vermochte, nun wurde es verboten sich eventuell mit anderen auszutauschen, seine Befürchtungen und Ängste zu äußern, selbst die Gespräche zwischen den Freundinnen wurden untersagt, daran haben sie sich aber glücklicher Weise nicht gehalten.

Die Situation der Autistin im Krankenhaus wurde trotz weitreichender Hilfestellungen der Freundinnen und ihrer langjährigen Freundin immer prekärer. Das Personal war nicht geschult, was Autismus betrifft, wie auch.

Sie erhielt eine Diagnose, die ein nicht autistischer Mensch schon kaum aushält, für sie war es der Tropfen, der das sprichwörtliche Fass zum überlaufen brachte. Sie hing in einem Overload fest, den man nur als Hyper-Overload bezeichnen kann. Hinzu kamen Begleiterscheinungen, die intensivmedizinische Maßnahmen notwendig machten, die sie nicht ertrug. Man versetzte sie in ein künstliches Koma.

Die Freundinnen hatten zu diesem Zeitpunkt schon länger nichts von ihr gehört und g

gelesen. Sie waren voller Sorge und auch Angst.

Eine schaffte es den Vater der Autistin anzurufen, er erzählte von ihrem Zustand. Die 4 waren am Boden zerstört.

Es gab keine weiteren Informationen für sie, sie wussten nichts, außer ’sie liegt im künstlichen Koma‘. Sie malten sich aus, was die Autistin alles auszuhalten hätte und waren in großer Sorge.

Eine andere der Freundinnen rief auch beim Vater an, da die 4 es kaum noch aushalten konnten, sie sich so große Sorgen machten. Er erlaubte, dass sie im Krankenhaus anrufen kann, dass man ihr Auskunft geben darf.

Sie rief im Krankenhaus an, die Situation war unverändert.

Sie hatte der Autistin im Sommer eine Decke versprochen, eine besondere Decke, eine schwere Decke. Sie nähte diese Decke, schickte sie dem Vater, verbunden mit der Hoffnung, dass die Autistin diese Decke selbst auf der Intensivstation bekommen dürfe. Sie rief den Vater an und erklärte ihm die Decke. Sie rief im Krankenhaus an und erklärte dort den Sinn der Decke, man war interessiert und auch aufgeschlossen und versprach ihr die Decke zu geben.

Nach einiger Zeit rief sie wieder auf der Station an um nachzufragen, die Prognosen waren gut, die Autistin wurde langsam wieder ins Bewusstsein geholt. Nach weiteren 5 Tagen war sie wieder “da“, durchaus beeinträchtigt, aber sie lebte.

Die von der langjährigen Freundin verhängte Informationssperre aber, sie wurde immer wieder wiederholt und auch mit sehr unfreundlichen Worten untermauert. Sie gab keine Informationen an die Freundinnen heraus, sie schimpfte nur. Scheinbar verstand sie nicht, dass die Autistin durchaus auch reelle Freundinnen gefunden hatte und nicht nur sie Freundin nannte.

Die Autistin vermisste ihre Freundinnen, sie telefonierte oft, nachdem sie wieder bei vollem Verstand war.

Sie wusste offensichtlich nichts von diesen, in einem bösen Ton ausgesprochenen, Verboten, wohl wissend, dass ihre Freundinnen ohnehin nicht zum Tratschen neigen.

Die Tage vergingen, die Freundinnen machten sich weiterhin große Sorgen, hatten aber irgendwo in sich doch Hoffnung, wenngleich auch nur ein klitzekleines Bisschen.

Die Autistin verstarb am 25.11.2013

Sie verstarb nach einer langen Zeit im Krankenhaus.

Die Freundinnen erfuhren davon wenige Stunden später. Es kursierten Mails, sie erfuhren mehr oder minder eher durch Zufall davon.

UND: die Informationssperre wurde fortgesetzt.

Nur: woher kamen diese Informationen?

Die Freundinnen waren verunsichert neben ihrer Trauer. Sie schwiegen doch, wo kamen die ganzen Informationen auf mal her, wieso wusste die, wieso der, Bescheid?

Sie fingen sogar fast an sich gegenseitig zu misstrauen, weil nur sie wussten ja Bescheid und die Frau mit den Verboten, die Freundin, die langjährige.

Sie hatten das Gefühl zu platzen, sie wollten ihre Trauer herausschreien, sichtbar trauern, weinen. Eigentlich schon die ganzen Wochen, aber jetzt tat es so sehr weh, aber sie durften ja nicht.

Die Nachricht, dass die Autistin gestorben war, verbreitete sich immer schneller.

Die Freundin, die langjährige, sie hatte diese Informationen gestreut, verteilt, gemailt.

Die eine Freundin schrie ihre Trauer in die Welt.

Zwei schrieben Geschichten um zu verarbeiten

Noch eine, die nicht-autistische, zog sich zurück, es war einfach zuviel.

Die, die die Decke genäht hatte und nie irgendwelche Informationen erhalten hatte, brach zusammen, als sie hörte, dass die Autistin mit dieser Decke beerdigt worden ist, dass sie sich nicht von der Decke getrennt hat, dass sie zu jeder Untersuchung mit musste und sie auch deutlich geäußert hatte, dass sie sie mit auf den letzten Weg mitnimmt.

Die ist eine wahre Geschichte, die meisten werden wissen, von wem sie handelt.

Wir haben uns entschieden, unsere Sicht der Dinge den Bloggerthementage zu Verfügung zu stellen, weil es auch ein Schrei nach Barrierefreiheit ist.

Das Recht eines jeden Menschen auf körperliche und seelische Unversehrtheit betrifft auch die Not eines Autisten, der gezwungen ist, sich in einem Krankenhaus behandeln zu lassen, egal aus welchem Grund, sei es die “simple“ Mandel-OP, oder schlimmeres.

Es ist unverantwortlich, dass Autisten unter solchen Umständen als durchgedrehte Spinner dargestellt werden, sediert werden um “handlebar“ zu sein.

Ich verlange ganz dringend, im Sinne meiner Freundin, dass Aufklärungsarbeit geleistet wird, dass in den Ausbildungen zumindest rudimentäre Dinge des Autismus erklärt werden, denn nicht jeder, der sich nicht anfassen lassen möchte und dann evtl. anfängt zu schreien oder zu zucken ist geistig gestört. Es kann auch “einfach nur“ Autismus sein.

Erstveröffentlichung auf meinem Vor-Blog nimabe.

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