Tremor, Schmerzen, der Humor und ich

Meine Plage heißt Fibromyalgie.

Früher wurden die Menschen, die unbegründbare Schmerzen hatten als Hypochonder bezeichnet, leider ist dies sogar heute noch der Fall.

Später bekamen dann diese wirklich durch fast nichts (augenscheinlich) diagnostizierbaren Schmerzen den Begriff ‚Weichteil-Rheumatismus‘ aufgedrückt.

Fibromyalgie ist ein Wort, zusammengesetzt aus dem lateinischen Wort für Faser ‚Fibra‘, aus dem griechischem Wort für Muskel ‚Mys‘ und dem griechischem Wort für Schmerz ‚Àlgos‘. Fibromyalgie bedeutet, dass die Ansätze der Muskeln und Sehnen an den Knochen schmerzen.

Aber das ist nicht alles. Wenn jemand die Fibromyalgie hat, kommt eigentlich so ziemlich alles unangenehme dazu, was keiner haben möchte.

Man ist Dauermüde,
man ist von den kleinsten Anstrengungen komplett erschöpft,
Stress -egal welcher Art- kann höllische Schmerzen auslösen,
der Verdauungsapparat spinnt ständig (Reizdarm und Reizblase),
obwohl man durchgängig müde ist, hat man Durchschlafprobleme, bzw. es kann vorkommen, dass man nur oberflächlich schläft und ständig aufstehen muss um die Örtlichkeiten aufzusuchen (man fühlt sich inkontinent),
Gelenke schwellen an, schmerzen bis zur Unbeweglichkeit
Kopfschmerzen gehören zum Tagesgeschäft
Verspannungen, soweit, dass man sich kaum noch bewegen mag, weil alles schmerzt
Tremor

es ist einfach zuviel um es alles aufzuzählen und somit verweise ich auf den Artikel bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Fibromyalgie.

Ich habe seit fast 30 Jahren Schmerzen. Man hat es damals auch auf zunächst eingebildete Schmerzen geschoben, später auf eine psychosomatische Schmerzproblematik (was zu dem damaligen Zeitpunkt sicherlich auch richtig war).

Man hat alle möglichen Medikamente bei mir ausprobiert, ich kam mir irgendwann wie ein pharmazeutisches Testlabor vor. Aufgrund meiner heilpraktischen Ausbildung habe ich aber immer -Gott sei dank- sehr schnell erkannt, was gut ist und was schlecht. Nur: es waren alle Meds schlecht, für mich, anderen haben sie durchaus helfen können. Es hat nichts angeschlagen.

Katadolon war eine wunderbare Abführkur, wenn ich das Mittel weitergenommen hätte, wäre ich wahrscheinlich inzwischen weniger als magersüchtig

Cymbalta, soll ja DAS Mittel schlechthin bei Fibromyalgie sein. Das war der Hammer-Versuch schlechthin. Am ersten Tag habe ich einen Lachflash nach dem anderen bekommen, so dass meine Chefs (Allgemeinmediziner) dann irgendwann meinten, es wäre bestimmt doch besser, wenn ich heim fahren würde (wenn ich lache, dann wacken die Wände). Mein vollkommen erschrockener Mann hat mich dann eingesammelt und nach Hause gefahren. Am 2. Tag hätte ich am liebsten meine ganze Familie in die ewigen Jagdgründe geschickt (gefährliches Zeug) und am 3. Tag hatte ich einen dermaßen heftigen depressiven Schub, dass ei n 4ter Tag für mich dann doch nicht mehr in Frage gekommen ist. Wer weiß, vielleicht hätte ich felsenfest davon überzeugt fliegen zu können, den Abflug vom Stadthochhaus genommen.

Amitryptilin – ein hervorragendes Mittel. Wenn man magersüchtig ist und zunehmen möchte. Diese Mittel ist -glaube ich- das meistverschriebene Mittel in der Praxis in der ich gearbeitet habe, ich mutmaße, dass es eventuell sogar bei Husten-Schnupfen-Heiserkeit verschrieben wurde, weil es doch stimmungsaufhellend sein soll. Ich habe es nur wenige Wochen genommen und bin wie ein Hefeklos aufgegangen. Schrecklich. Vor allem, weil meine damaligen Chefs diese Nebenwirkung als Humbug abgetan haben.

Ich weiss nicht, wieviel Mittel ich ausprobiert habe, es waren sehr viele. Entweder wurde mir richtig übel, oder es tat sich überhaupt nichts, oder ich wurde depressiver als ich ohnehin schon war. Es war zum Haareraufen.

Morphium…hahaha….dieses sagenumwobene Mittelchen, ich hätte genausogut Wasser zu mir nehmen können.

und so weiter.

Nachdem ich jahrelang von einem Orthopäden gerenkt wurde, dann wieder jahrelang nichts gemacht habe, außer still zu leiden,bin ich 2009 zu ei ner neu niedergelassenen Ärztin hier im Dorf gegangen, die u.a. physikalische Medizin praktiziert. Sie drückte an meinem ganzen Körper herum, Rücken, Arme, Hände, Beine, Füße (nein, Bauch nicht). Ich war am quietschen vor Schmerzen.

Sie fragte mich dann irgendwann, ob ich schon einmal etwas von Fibromyalgie gehört habe, was ich verneinen musste. Sie war sehr vorsichtig in Ihren Bestrebungen, mir meine Diagnose zu erklären, verstanden habe ich nichts, wahrscheinlich war ich gerade in einem dicken Overload, denn ich bekam nur ihre Sorge und Betroffenheit mit. Als ich dann später zuhause war, war mein erster Gang: mein Rechner. Ich hatte Angst, weil ich nicht wusste, was ist das denn jetzt, ist das was wirklich richtig schlimmes?

Nun, das habe ich dann schnell geklärt, ich konnte mich wieder beruhigen. Und habe ab da erst einmal gelesen und gelesen. Es erklärte sich auf einmal so vieles (ist schon komisch, diese vielen Déjà-vus, die man im Leben hat). Ich war allerdings auch ziemlich schockiert, denn meine Diagnose stand, aber die Prognose war: es wird noch schlimmer, viel schlimmer. Das “End-Stadium“ (nein, nicht der Tod, Fibromyalgie ist nicht tödlich) ist noch nicht erreicht.

Inzwischen und nachdem ich diese ganzen Testreihen hinter mich gebracht habe, habe ich mich damit abgefunden, dass mich Schmerzen bis zum Schluss begleiten werden, teilweise wirklich nahezu unerträgliche Schmerzen, wenn die Knie unter mir wegknicken, meine Hüfte auf einmal steif ist vor Schmerzen, oder meine Finger derart anschwellen und schmerzen, das sich kaum noch nähen kann, geschweige denn in der Lage bin Stecknadeln zu fassen (das ist die Höchststrafe für mich).

Ach: ganz vergessen: Akupunktur habe ich auch versucht. War lustig, denn der Arzt hatte mir nicht gesagt (auch in der Praxis, in der ich gearbeitet habe), dass mir die Nadeln nach 20-30 Minuten gezogen werden müssen. Nun, ich lief dann 2-3 Stunden mit den Nadeln durch die Gegend, bis mich ein Kreislaufkollaps ereilte…soviel dazu. Im übrigen: gebracht hat es nichts.

Heute arrangiere ich mich mit meinen Schmerzen, bzw. ignoriere ich sie -soweit möglich-. Was mich wirklich fertig macht ist der Tremor. Ich fühle mich manchmal wie ein Parkinsonpatient mit extremer Schüttellähmung in den Händen. Der Kaffee schwappt aus der Tasse, wenn ich sie mit nur einer Hand greife, ganz abgesehen davon, mit einer Hand schaffe ich es an diesen bestimmten Tagen gar nicht, sie hochzuheben.

Ich war eine ganze Zeit wirklich verzweifelt. Habe aber inzwischen akzeptiert, dass es ist, wie es ist. An wirklich schlimmen Tagen nehme ich, obwohl ich da sehr anti eingestellt bin, auch mal 3 Ibu 600 um einigermaßen über die Runden zu kommen, abends nehme ich ein Mittel, dass ich wenigstens in den Schlaf komme, dass mich etwas herunterfährt, sonst nichts.

Ich sehe keinen Sinn darin mich jeden Tag in meinen Schmerzen zu suhlen. Die Schmerzen wie ein Schild vor mir herzutragen ’sehr her, ich arme Wurst‘. Oh nein, nicht mit mir. Meist schaffe ich sogar darüber zu lachen.

Es gibt die These, dass Patienten mit Fibromyalgie diese traumabedingt haben. Dass eine Traumatherapie Erlösung bringen soll.

Ich halte dies für Beutelschneiderei, Geldmacherei. Und: ich glaube auch nicht daran, dass, wenn ich wirklich meine Traumata aufarbeiten wollen würde, ich danach auch wirklich schmerzfrei bin. Ich weiss dann wahrscheinlich glasklar, was mir alles passiert ist. Aber will ich das?

Nein. Erstens will ich mit keinem Fremden über meine “schwarzen Löcher“ reden; zweitens bin ich mir zu 100% sicher, dass ich danach auf das heftigste dekompensieren würde, was meiner Familie schaden würde. Da mir meine Familie aber das wichtigste ist…nee, da lasse ich die Finger von. Und das hat nichts heroisches, ich will es einfach nicht, weil ich weiß, dass es für MICH nicht gut wäre.

Mein Mann kommt mit diesem ganzen nicht wirklich gut klar. Ich glaube, dass ich umgekehrt auch nicht gut damit umgehen könnte. Nur versuche ich ihm immer klar zu machen, dass ich das alles nur noch mit Humor nehme.

Ich denke, dass man alles auf irgendeine Form auch positiv beleuchten kann. Man sollte aufhören sich immer als das arme Lämmchen zu sehen. Auch Schmerzen können produktiv sein, können einen weiterbringen. Mich hat es in sofern weiter gebracht, dass ich einen Weg gefunden habe, trotz schmerzender Hände zu nähen.

Und solche Möglichkeiten hat jeder.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..